Sonntag, 11. Juni 2017

„Das Vermächtnis der Lil`Lu (4): Danniella – Engelsflügel“ von Marita Sydow Hamann





Klappentext
Dieser 4. Band der „Das Vermächtnis der Lil`Lu“-Reihe kann auch unabhängig von den anderen Büchern gelesen werden, da die Geschichten der einzelnen vier Frauen dieser Reihe (Lovisa, Emilie, Danniella, Kristin) in sich abgeschlossen sind.

Danniella ist ein Nephilim – ein Wesen mit Flügeln und Krallen. Die Nephilim sind eine eigenständige Rasse, mit den Menschen verwand, aber mit Engelsblut in ihren Adern. Engel, die einst zu den Menschen herabstiegen und sich mit ihnen paarten.
Auf Danniellas Erde – einer Erde von vielen – in ihrem Universum, leben Nephilim und Hexen in Frieden zusammen. Doch seit Jahrtausenden wird ihre Erde von Wechslern angegriffen, von Menschen aus anderen Universen. Denn Nephilim werden gejagt, mit dem Ziel sie auszurotten.
Danniella ist eine Nephilimkönigin, ihre Aufgabe ist es Krieger zu gebären, die ihre Welt schützen sollen. Ihr Schicksal scheint vorausbestimmt, doch dann geschieht das Unfassbare. Danniella wird von einer Sekunde auf die andere in ein anderes Universum geschleudert, wo sie plötzlich Menschen gegenübersteht, allein, in einer fremden Welt. Menschen, die eigentlich ihre erklärten Todfeinde darstellen.

Folgende Bände der fünfteiligen Reihe sind bereits erhältlich:
Lovisa - Der Riss im Universum (Das Vermächtnis der Lil`Lu - 1)
Lovisa - Im Zeichen des Feuers (Das Vermächtnis der Lil`Lu - 2)
Emilie - Traumbegegnungen (Das Vermächtnis der Lil`Lu - 3)
Danniella - Engelsflügel (Das Vermächtnis der Lil`Lu - 4)

Erhältlich bei Amazon  

Leseprobe

Prolog

Ein mächtiger Knall zerriss die übliche Stille, gefolgt von einem dumpfen Grollen, das sich durch die Burgmauern fortpflanzte. Die Erde bebte.
Dania sprang entsetzt auf – viel zu schnell, viel zu ruckartig für ihren Zustand. Ein nie erlebter Schmerz durchzuckte ihren prallen Unterleib und entfesselte den Nephilim in ihr. Ihre Hände wurden zu Krallen, lederartige Flügel wuchsen aus ihrem Rücken und zerrissen das Umstandskleid. Dania kreischte entsetzt auf, als es feucht an ihren Beinen herablief. Nein! Das durfte nicht sein! Es war viel zu früh! Ein weiterer Knall, und ein weiterer schier unerträglicher Schmerz stach zu. Dania sackte zusammen, schrie aus Leibeskräften und presste mit ihren Krallen auf ihren schwangeren Bauch, so als könne sie dadurch alles zusammenhalten.
Hilfe, ich brauche Hilfe! Dania nahm all ihre Kraft zusammen und stemmte sich auf die Beine. Sie musste das magische Glimmen im Türrahmen erreichen. Ein Knopfdruck nur, das würde reichen, um die Hebamme zu alarmieren. Der Schweiß trat Dania aus allen Poren, sie schmeckte Blut. Oder roch sie es? Eine weitere unnatürlich starke Wehe warf sie erneut zu Boden. Ihre Hände rutschten bei dem Versuch, sich abzustützen, weg. Es krachte erneut, der Turm bebte. Dania versuchte, sich zu konzentrieren und die panische Angst zu bändigen, die sie ergriffen hatte. Sie atmete tief durch, dann sah sie das Blut. Ihre Hände badeten darin – sie badete darin! Das zerfetzte Kleid war rot getränkt und klebte ihr zwischen den Beinen. Dania begann zu hyperventilieren. Die nächste Wehe presste das Kind heraus. In einem Schwall von Blut bahnte es sich seinen Weg, rutschte ihre Oberschenkel entlang und wurde von rotgetränktem Stoff aufgefangen, bevor es zu Boden glitt.
Der Schmerz ließ schlagartig nach, Dania sackte in sich zusammen, keuchte und starrte durch einen Tränenschleier an die hohe Decke des Turmzimmers. Sie zitterte am ganzen Leib, fühlte sich schwach und müde wie nie zuvor in ihrem Leben und glitt langsam davon.
Ein erneuter Angriff erschütterte die Burg – es krachte, Blitze zuckten, Menschen schrien. Es klang, als wären sie ganz nah. Das Baby! Das Baby schrie!

Die Tür zum Turmzimmer wurde aufgerissen.
»Sie greifen an, meine Herrin. Wir müssen …« Die Hebamme verstummte, dann ein Aufschrei. »Nein!«
Schnelle Schritte, sie kniete nieder und fühlte den Puls. Ein seltsamer Laut entfuhr ihr. Obwohl die Hexe wusste, dass es nutzlos war, griff sie nach der Kraft des Elements Erde. Sie beugte sich über ihre Herrin, legte die Hände auf und murmelte seltsame Worte aus einer anderen Zeit.
Danias Augenlider flackerten. Sie nahm die Hebamme wahr. Ihre Lippen formten Worte. Nur ein Flüstern, doch in der kurzen Phase der Stille zwischen zwei neuen Angriffen war es wie von Geisterhand verstärkt.
»Sie lebt … Sie soll Danniella heißen … Meine Tochter …« Ein letzter rasselnder Atemzug, dann verließ das Leben Danias Körper für immer.

»Es werden immer mehr!«, brüllte Santo Laird Gregor zu. »Sie kommen von überall aus dem Nichts! Wechsler, immer mehr Wechsler!«
Laird Gregor biss die Zähne zusammen, dass die Kiefermuskeln hervorquollen. Verdammte Brut! Sie gehörten vernichtet, einer wie der andere! Die Terroranschläge hatten in den letzten Jahren erschreckend zugenommen. Und nun das – ein massiver Angriff auf seine Burg. Ein gezielter Angriff. Wie war das möglich? Weshalb gerade Burg Vidarfjord? Viele Fragen, die warten mussten.
»Hält die magische Barriere?«, fragte er stattdessen und ließ seinen Blick über die Burgmauern streifen. Blitze zuckten, es krachte erneut, dass die Erde bebte.
»Erste feine Risse im Gemäuer, doch noch besteht keine Gefahr. Es ist kein magischer Angriff!«, rief Santo.
»Massenvernichtungswaffen?« Laird Gregor blickte voller Zorn auf die pilzartige Wolke, die vor den Burgmauern emporstieg. Santo nickte.
»Verfluchte Mörder«, zischte Laird Gregor. »Lasst keinen am Leben, ich will sie tot sehen, jeden Einzelnen von ihnen!«
Santo schüttelte ergeben den Kopf. »Wie …« Dann hielt er inne. Er zögerte.
»Spuck es aus!«, schrie Laird Gregor.
Santo zuckte zusammen und schluckte. »Dort draußen ist vermutlich keiner von unseren Leuten mehr am Leben. Wir könnten Brenngas einsetzen, mein Laird. Doch falls es Überlebende gibt …«
»Tu es!«, brüllte Laird Gregor. »Sie überrennen uns!«
Es krachte erneut – einmal, zweimal, dreimal –, die magische Barriere flackerte.
»Sofort!«
Santo eilte davon und Laird Gregor betrachtete voller Zorn und Besorgnis, wie immer mehr Wechsler aus dem Nichts auftauchten und ihre tödlichen Waffen gegen die Mauern von Burg Vidarfjord richteten. Es krachte, blitzte und bebte in immer kürzeren Abständen. Es war nur noch eine Frage von Minuten, bis die Barriere brach und sie alle verloren waren. Gezielte Angriffe. Selbstmordattentäter – Tausende an der Zahl. Wenn das die neue Strategie der Wechsler war, würde seine Welt nicht lange standhalten. Gregor bohrte seine Krallen in die Brüstung und hielt die Luft an. Wo blieb nur sein befohlener Gegenangriff? Brenngas. Im Umkreis von dreißig Kilometern würde nichts überleben. Eine kahle Wüste für mindestens zehn Jahre. Auch Magie würde da nicht helfen, irgendetwas zum Wachsen zu bringen. Über einen Zeitraum von zwei Wochen würde eine Wand aus Plasma seine Burgmauern umgeben, den Berggrund zum Schmelzen bringen und nichts und niemanden hinein oder hinaus lassen. Die magische Barriere würde sie schützen, doch nur, wenn sie nicht vorher fiel. Brenngas konnte den Mauern nichts anhaben, dafür hatten seine Magier gesorgt, doch die Waffen dieser Wechsler waren anders. Fremd.
Eine Dienstbotin eilte heran und zuckte unter weiteren Angriffen und hellen Blitzen erschrocken zusammen. »Mein Laird«, rief sie gegen das Tosen an. Ihre Stimme brach vor Angst. »Tara schickt mich mit einer Nachricht. Es geht um Herrin Dania.«
Laird Gregor riss sich vom Anblick der einschlagenden Bomben ab und wirbelte herum. »Was gibt es?« Sein Blick war wild, er ballte seine Krallen zu Fäusten. Er wusste, es war ernst. Niemand würde es wagen, ihn im Augenblick einer Katastrophe zu belästigen, wenn es nicht wirklich wichtig war.
Hinter Laird Gregor detonierte die letzte Bombe. Ihr ohrenbetäubender Lärm wurde von einem Zischen und darauf folgendem Tosen verschluckt, dann flog eine Feuersbrunst über das Land vor den Mauern von Burg Vidarfjord. Während die Dienstbotin ihm händeringend ihre Nachricht überbrachte, leckten Flammen die magische Barriere empor, die sich wie eine Kuppel über die Burg zog. Sie erhitzten die Luft und verwandelten alles auf ihrem Weg in schmelzend heißes Plasma. Als glühende Hitze den Himmel verdrängte und für mehr als zwei Wochen jeden ankommenden Wechsler sofort verschlingen würde, schrie Laird Gregor seinen Schmerz hinaus. Dania – die Liebe seines Lebens.

»Sie ist eine Königin, mein Laird«, sagte Tara sanft.
»Bist du sicher?« Laird Gregors Stimme klang hohl, fast wie ein Flüstern.
»Ihr Duft war unverkennbar. Ihr wisst, dass der Lockstoff nur kurz nach der Geburt auftritt und dann erst wieder zur Geschlechtsreife.«
Laird Gregor starrte das kleine Mädchen an, das schlafend in einer Wiege lag. Danias letztes Geschenk an ihn – eine Tochter. Eine Königin? Er wagte es kaum zu glauben.
Tara legte ihm vorsichtig eine Hand auf die Schulter. »Ich schwöre es bei Herrin Danias Leben. Dieses Kind ist eine Königin!«
Laird Gregor ballte die Fäuste und holte tief Luft. »Einundzwanzig Jahre warten«, wisperte er. »Wir müssen nur standhalten …« Er beugte sich vor und betrachtete das Kind mit hartem Blick. Jede Minute, jede Sekunde für den Rest seines Lebens, würde ihn dieses Mädchen an seinen Verlust erinnern. Dania. Doch sie war die Zukunft dieser Welt.
»Danniella«, flüsterte er mit gepresster Stimme. »Wir werden sehen, wer sich deiner würdig erweist und dann …« Er ballte die Fäuste und wandte sich ab. »Kümmere dich gut um sie!« Dann verließ er die Babykammer. Er konnte ihren Anblick nicht ertragen.

1. Die Brüter

Es war eng und stickig, und es roch definitiv nach Tod. Meine feine Nase rümpfte sich. Kein Ort, um länger zu verweilen, doch ich musste mehr erfahren. Ich kroch näher, versuchte, den Gestank zu ignorieren und presste mein Ohr an die Wand.
»Ist Danniella bereit? Die zwölf Kandidaten werden morgen früh eintreffen.« Baltars Stimme, der Großmeister der Brüter.
»Sie wird keine Wahl haben, egal, wie bockig sie sich anstellt«, knurrte jemand.
»Schweig!« Die Stimme meines Vaters, Laird Gregor von Vidarfjord. »Selbstverständlich ist sie bereit. Ihr ganzes Leben wurde sie auf diesen Moment vorbereitet. Sie kennt ihre Pflicht!« Gemurmel folgte, das ich nicht verstand. Es klang zweifelnd. Ich ballte grimmig die Fäuste. Pflicht, wie ich dieses Wort zu hassen gelernt hatte.
»Danniella wird, wie es die Tradition verlangt, morgen ihren ersten Erzeuger wählen«, sagte mein Vater, und seine Stimme ließ keinen Zweifel daran, dass er mich zwingen würde, falls ich nicht gehorchte. Zwölf Kandidaten, aus denen ich sechs auswählen sollte, für die erste Brut der neuen Generation. Männer, mit denen ich Nephilim zeugen sollte, ausgewählte Kämpfer, deren Erbgut weitere Kämpfer hervorbringen sollte. Ich wurde nicht gefragt, ich hatte meine Pflicht zu erfüllen. Ich hatte meine Einwände geäußert, meinem Vater erklärt, dass ich aus Liebe heiraten wollte, so wie er. Ich hatte versucht, vernünftig mit ihm zu reden. Als das nichts half, hatte ich getobt und gefaucht und zuletzt gebettelt. Er war hart geblieben. Er hatte mich mit seinen blitzenden Augen angesehen und gezischt: »Letztendlich wirst du keine Wahl haben und es sogar gerne tun. Also spar dir deinen Atem, du wirst ihn für die Erzeugernächte brauchen.«
Niemals würde ich es gerne tun! Nicht mit sechs verschiedenen fremden Männern, die ich nicht kannte und die mich nur aus einem Grund haben wollten – um mich zu begatten, um ihre ach so wertvolle Frucht weiterzugeben. Niemals!
»Sie ist die Antwort auf all unsere Hoffnungen«, hörte ich Douglas sagen, Vaters rechte Hand und ein hochrangiges Mitglied der Brüter, die meine Brut pflegen sollten und meine Nachkommen schulen und in den Kampf schicken würden. »Wir können von Glück sagen, dass der Angriff auf Burg Vidarfjord erfolgreich abgewehrt wurde. Dank Laird Gregors furchtlosem Einsatz von Brenngas. Ja, es hat uns viel gekostet, doch es rettete die Königin, das Kind. Andere in dieser Nacht geborene Säuglinge hatten nicht so viel Glück. Wir verloren viele gute Krieger und noch mehr Zivilisten.«
»Douglas hat recht«, sagte jemand, dessen Stimme ich nicht kannte. »Auch wenn es das letzte Aufbäumen eines sterbenden Universums war, so waren und blieben sie die ersten Wechsler, die gezielt vorgingen. Ihre Welt stand kurz vor der Explosion, sie hatten nichts mehr zu verlieren, sie kämpften allein für andere Welten mit dem gleichen Ziel – uns zu vernichten. Sie geben uns die Schuld an ihrem Ende. Und sie hatten einen Vorteil. Sie müssen von der bevorstehenden Geburt einer Königin gewusst haben, daher die gezielten Angriffe auf hochrangige Nephilim, die kurz vor der Niederkunft standen.«
»Vermutlich ein Seher mit dem Zweiten Gesicht«, sagte der Großmeister der Brüter. »Und wir können von Glück sagen, dass andere Universen bisher nicht solch gefährliche Informationen zu besitzen scheinen. Angriffe aus anderen Welten geschehen immer häufiger, aber wir konnten sie bisher aufhalten. Doch unsere Reihen sind ausgedünnt. Lange halten wir nicht mehr stand.«
»Und Danniella weiß das!«, sagte mein Vater und schlug mit der Faust auf den Tisch. Zumindest vermutete ich, dass das Poltern daher kam, denn er tat das öfter, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen.
»Also verbitte ich mir weitere Diskussionen über den Gehorsam der Königin! Oder will jemand behaupten, ich hätte meine eigene Tochter nicht im Griff?«, fragte er bedrohlich herausfordernd. Ich verdrehte die Augen. Er hatte nicht. Doch das würde ihm hoffentlich erst so richtig bewusst werden, wenn ich meilenweit entfernt war. Ich hatte genug gehört. Morgen früh also. Die warteten wirklich nicht eine Sekunde länger, als sie mussten. Morgen war mein einundzwanzigster Geburtstag, der Tag der Geschlechtsreife einer Königin. Für mich hieß das, es wurde allerhöchste Zeit zu verschwinden, denn ich hatte einen Entschluss gefasst – niemand außer mir selbst würde jemals über meinen Körper entscheiden!
Wie ich entkommen wollte? Ich grinste in mich hinein. Niemand außer mir kannte das Gemäuer von Burg Vidarfjord besser als ich. In den letzten einundzwanzig Jahren hatte ich jede freie Minute damit verbracht, mein Gefängnis auszukundschaften. Oh ja, die Burg war für mich eine Art Gefängnis. Ich durfte hinaus, doch nur unter Aufsicht. Nur innerhalb dieser Mauern konnte ich mich frei bewegen und das hatte ich bis in den letzten Winkel hinein ausgenutzt. Bereits mit zehn Jahren entdeckte ich diesen Geheimgang, der bis hinter die Burgmauern reichte. Streifzüge – meist nachts – in der näheren Umgebung folgten, immer darauf bedacht, mich nicht erwischen zu lassen. Heute würde ich nicht zurückkehren.
Vorsichtig kroch ich aus dem Winkel der Kammer zurück in den Gang. Dort schulterte ich mein Gepäck und tastete mich in gebückter Haltung vorwärts. Ich hatte Proviant für sieben Tage dabei. Sieben Tage, in denen ich meinen Duft nicht einsetzen musste.
Wir Nephilim haben Düfte, die wir gezielt einsetzen können, beispielsweise zur Jagd oder als Sexuallockstoff. Ich als Königin soll für Letzteres mit der Geschlechtsreife noch einen ganz anderen Duft entwickeln. Einen Duft, der nur Königinnen vorbehalten ist. Ich würde nicht darauf warten, ihn in Gegenwart einer meiner Begatter zu erlangen.
Obwohl ich als Nephilim nachts hervorragend sehen konnte, nutzte mir das hier unten in vollkommener Dunkelheit wenig. Weit genug von der Kammer entfernt holte ich einen Lichtstein hervor und folgte dem sich windenden Gang bis in eine weitere, etwas größere Kammer. Mein Quartier für die nächsten drei Tage. Weshalb ich nicht sofort floh? Ganz einfach. Gleich morgen früh würde sich eine Horde Brüter und Wachen auf meinen Himbeergeruch stürzen. Ja, ich roch nach Himbeeren. Es gab definitiv Schlimmeres. Zum Glück mochte ich Himbeeren. Die Jäger würden mit Sicherheit meine Fährte aufnehmen und mich in wenigen Stunden aufgespürt haben. Unser Duft in Ruhestellung ist sehr schwach, doch für trainierte Fährtenleser mit Sicherheit zu finden. Hier in der Burg roch alles nach mir, niemand würde den Eingang zum Tunnel finden, sie würden ihn überhaupt nicht suchen, denn niemand ahnte auch nur, dass es ihn gab. Wüsste mein Vater davon, er ließe ihn bewachen. Wenn ich hier drei Tage ausharrte, hatten meine Verfolger sich bereits auf ihrer Suche nach mir weit von der Burg entfernt. Das war meine Chance, unentdeckt zu entkommen. Sie würden ringförmig von der Burg aus alles absuchen, doch sie würden keine Zeit darauf verwenden, ringförmig alles noch einmal rückwärts zu überprüfen. Wer als Bote zurückgeschickt wurde, um Bericht zu erstatten, der nahm einen direkten Weg. Ich konnte nur darauf hoffen, dass dieser Weg nicht zufällig meinen Fluchtweg kreuzte. Mein Plan war es also, mich hinter meinen eigentlichen Verfolgern aufzuhalten. Ich hoffte, das war gerissen genug, um zu funktionieren.
Ich packte eine isolierende Unterlage aus und deckte mich mit meinem Mantel zu. Dann bereitete ich mich auf eine drei Tage lange Nacht vor.

Vita:

Marita Sydow Hamann 
*13.03.1973 
Ich wurde in Norwegen in Ålesund geboren und wuchs unter anderem in Deutschland, Österreich und Spanien auf.
1999 heiratete ich und wanderte mit meinem Mann nach Schweden aus. Dort machte ich eine Ausbildung zur persönlichen Assistentin für Personen mit geistigen und körperlichen Behinderungen.
Ich lebe mit meinem Mann und einigen Tieren einem kleinen Selbstversorgerhof in Småland (Schweden) und widme mich außer dem Schreiben und Bloggen (über das Thema "Gesund leben!") auch anderer kreativer Kunst.
Ich schreibe Fantasy für Jung und Alt sowie Kinderbücher.
Meine Interessen diesbezüglich sind die nordische, die griechische und auch andere Mythologien mit all ihren Wesen.
Speziell Trolle finde ich faszinierend. Aber auch Geister, Elfen, Drachen, Magier, mystische Begebenheiten, Romantik und Science Fiction Elemente könnt ihr bei mir finden.
Ich bin nicht auf ein Element festgelegt und immer offen für neue Ideen.

Sonntag, 28. Mai 2017

DAS GESTOHLENE GNADENBILD von Klaus Kurt Löffler

Klappentext: 
Max hätte nie daran gedacht, jemals an einer Wallfahrt teilzunehmen. Doch nun ist er dabei und hilft, den gelähmten Lazarus zur Wallfahrtskirche auf den Falkenstein hinaufzutragen. Das Gnadenbild des heiligen Wolfgang war nämlich in der Nacht aus der Pfarrkirche gestohlen worden. Max vermutet, dass sich die Täter unter die Pilger gemischt haben. Da einer der Träger ausgefallen ist, ergreift er die Chance, um undercover zu ermitteln. Er weiß nicht, worauf er sich einlässt. Denn die Kirchenräuber sind skrupellos und zögern nicht, den Jungen zu beseitigen, als er ihnen auf die Spur kommt. Hat Max die Schutzengel, die er zum Überleben braucht?
Erhältlich bei Amazon 

Leseprobe:

Zehntes Kapitel: Auf Leben und Tod
Max hing mit dem Kopf nach unten in den Zweigen einer kleinen Fichte, die aus einer Felsspalte wuchs und seinen Sturz aufgefangen hatte. Das abgebrochene Gitter war weiter hinuntergestürzt. Der Junge hatte es nach endlosen Sekunden unten auf den Uferfelsen aufschlagen und dann ins Wasser hinabgleiten sehen.
Die Situation, in der er sich befand, war alles andere als erfreulich. Das war stark untertrieben. Wenn er ehrlich war, konnte er sie nur als verzweifelt bezeichnen. Unter ihm tat sich der Abgrund auf. Der Felsen stürzte mehrere hundert Meter senkrecht in die Tiefe, sodass an ein Hinabklettern nicht zu denken war. Nach oben lag die Kante des Abbruchs etwa zehn Meter höher. Ohne fremde Hilfe kam er dort nicht hinauf. Selbst ein geübter Bergsteiger hätte ohne Ausrüstung die Wand nicht bezwingen können. Und Max war in dieser Kunst nicht sonderlich bewandert.
Zum Glück wusste er seine Gefährten oben, die ihn nicht im Stich lassen würden. Dunkler beugte sich bereits über die Bruchkante und suchte nach dem Jungen. Als er ihn unverletzt an der Felswand hängen sah, war er sichtlich erleichtert. In Gedanken hatte er ihn wohl schon mit zerschmetterten Gliedern am Ufer des Sees liegen sehen. Er musste sich aber rasch davon überzeugen, dass man ohne Seil nichts zur Rettung unternehmen konnte. Er rief deshalb: »Halte aus, Junge, wir holen Hilfe! Es wird aber etwas dauern!« Dann verschwand er eilig.
Das hörte sich nicht gut an, dachte Max. Immerhin unternahm man etwas. Bis Rettung kam, musste er versuchen, seine Lage erträglicher zu gestalten. Zunächst galt es, sich aufzurichten. Seine Beine hatten sich im Astwerk verfangen und er hing rücklings mit dem Kopf nach unten. Er spannte die Bauchmuskeln an und schwang den Oberkörper empor, wobei er einen Zweig zu erwischen trachtete. Nach einigen Versuchen gelang das. Er konnte sich hochziehen und stand nun aufrecht mit dem Gesicht zur Feldwand.
Allerdings war das Manöver seinem Halt nicht gut bekommen. In der steilen Wand hatte die kleine Fichte keine tiefen Wurzeln schlagen können. Bereits beim Aufprall war sie etwas nach unten gerutscht. Das Aufrichten hatte zu einer weiteren Abwärtsbewegung geführt. Es knackte und krachte so, als werde sich der Baum im nächsten Moment ganz lösen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis …!
Max wagte nicht, daran zu denken. Doch seine Angst wurde von Sekunde zu Sekunde größer. Er war nicht weit davon entfernt, in Panik zu verfallen. Schon schossen seine Gedanken in wilder Folge durcheinander und fuhren Achterbahn. In seiner Not fing er zu beten an. Er rief erst alle Nothelfer, dann die Jungfrau Maria und zum Schluss den heiligen Wolfgang an, von dem er hoffte, dass er hier am ehesten zu erreichen war. Er gelobte für den Fall der Errettung, nicht früher zu ruhen, bis er das Gnadenbild und das Reliquiar den Dieben entrissen hatte.
Dann blickte er hoch. Aber was war das! Hatte sein Bitten geholfen? Er glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Ein Seil glitt die Abbruchkante herunter, wurde lang und immer länger und erreichte ihn schließlich. Er ergriff es mit beiden Händen und wartete darauf, dass er hochgezogen wurde. Aber es zeigte sich niemand. Also musste er den Aufstieg aus eigener Kraft bewältigen. Er überzeugte sich, dass das Tau hielt. Dann ging es los. Wie er sich abdrückte, rissen die letzten Wurzeln und die Fichte stürzte krachend in die Tiefe. Nun war er ganz auf das Seil angewiesen; sein Leben hing davon ab, dass er den Aufstieg aus eigener Kraft bewältigen konnte.
Arm um Arm zog er sich in die Höhe, wobei er sich darum bemühte, mit den Füßen von der Felswand Abstand zu halten. Von den wenigen Malen abgesehen, in denen ihn Micha zum Klettern gezwungen hatte, hatte er darin keine Erfahrung. Und die Strapazen des Krankentransports hatten ihn geschwächt. Die Handflächen waren mit Blasen bedeckt und brannten nun bald wie Feuer. Und die überanstrengten Arme wurden immer kraftloser.
Er hatte etwa die Hälfte des Aufstiegs geschafft, als er nicht mehr weiterkonnte. Er war gerade noch in der Lage, sich am Seil festzuhalten. Und das auch nicht mehr lange. Er schickte nochmals ein Stoßgebet zum Himmel empor. Dann schloss er die Augen, als könnte er damit der Wirklichkeit entfliehen. Aber das tröstende Schwarz, zu dem er Zuflucht suchte, blieb nicht lange. Leuchtende Spiralen tauchten auf, die sich um ihre Längsachse drehten, aber immer langsamer wurden. Eine Weile sah er verständnislos zu, bis ihm die Erleuchtung kam. Das war seine Lebenskraft. Noch wirbelte sie, aber nicht mehr lange. Sie durfte nicht zum Stillstand kommen. Wenn sie erlischt, würden seine Finger das Seil loslassen und ...!«
Ihr müsst euch drehen!, befahl er verzweifelt. Drehen, drehen und weiterdrehen! ... Ihr seid nicht müde! … Der Himmel gibt euch Kraft! … So ist es richtig!, lobte er dann, als die Spiralen sich wieder in Bewegung setzten. Ihr werdet schneller und schneller, bis das Blut heftig durch die Adern schießt! … Meine Kräfte wachsen! ... Ich werde stärker und stärker! ... Ich muss es schaffen! … Ich werde es schaffen! … Ich schaffe es!
Zu seiner Freude merkte er, dass der Appell Wirkung zeigte. Wärme begann seinen Körper zu durchströmen. Seine Muskeln entkrampften sich. Das Gewicht, das an seinen Händen hing, schien leichter zu werden. Er fühlte, wie Mut und Zuversicht zurückkehrten. Es war, als würde ihm ein Engel unter die Arme greifen und helfen, die letzten Kraftreserven zu mobilisieren.
Trotzdem wusste er, dass er seine Kräfte besser einteilen musste. Er entlastete die Arme dadurch, dass er seine Beine stärker auf der Felswand abstützte und den Körper aus den gebeugten Oberschenkeln hochdrückte. Das half. Hand vor Hand hangelte er sich weiter nach oben. Es ging langsam voran, aber es ging. Mit Freuden sah er, wie die Felskante mit jeder Handbreite näher und näher rückte. Schließlich - es schien eine Ewigkeit gewesen zu sein - war es endlich so weit. Mit einer letzten großen Anstrengung zog er sich auf das Felsplateau hinauf. Völlig ausgepumpt und erschöpft blieb er am Boden liegen und zitterte am ganzen Körper.

Klaus Kurt Löffler:



Als studierter Jurist war ich zuletzt als Vorsitzender Richter am Landgericht tätig. Nach meiner Pensionierung habe ich während eines Aufenthalts in St. Wolfgang am Wolfgangsee mit dem Schreiben von Jugendbüchern angefangen. Der Schauplatz und meine beruflichen Erfahrungen wollten es, dass es Detektivgeschichten wurden, in denen die Landschaft eine entscheidende Rolle spielt. Es steht bei mir aber nicht das Verbrechen, sondern das hinter ihm stehende Rätsel im Vordergrund. Denn meine Junior- Detektive lösen ihre Fälle mit Köpfchen.

  



Sonntag, 21. Mai 2017

Kind der Steine von Beatrix Lohmann



Das Kind der Steine -Der Auserwählte- Der knapp dreizehnjährige Christian ist ein Einzelgänger, hat kaum Freunde und wird von seinen Klassenkameraden nur “Der Professor“ genannt.
Eines Tages entdeckt er bei einer seiner Expeditionen einen besonderen Stein. Der Junge kann nicht ahnen, dass die magischen Kräfte dieses Steines, die bereits vor tausenden von Jahren von einer Fee freigesetzt wurden, es ihm ermöglichen werden, in eine andere Welt überzuwechseln.
So geschieht es, dass Christian, nun aber schon fast erwachsen, im Königreich der Steine aufwacht, wo er bereits verzweifelt als der “Cho-o-sen“, der Auserwählte, herbeigesehnt wird, denn das Königreich der Steine scheint ohne ihn dem Untergang geweiht zu sein.
Christian sieht sich einer scheinbar unlösbaren Aufgabe gegenüber und muss schmerzlich erfahren, dass er auch im Königreich der Steine nicht nur Freunde hat.
Ein fesselndes, spannendes Fantasy-Abenteuer für alle, die noch träumen können.
Erhältlich bei Amazon

Leseprobe

Ya-o-wen kämmte nachdenklich ihr langes, blondes Haar. Früher hatte sie eine Dienerin gehabt, die dies für sie tat, doch jetzt war alles anders geworden. Früher hatte sie in einem großen palastartigen Zelt gelebt. Sie war die Tochter des Wen, des Stammesfürsten der Kromaner, und ihr Leben war zu dieser Zeit unkompliziert und angenehm gewesen.
Ya-o-wen dachte an ihre Kindheit, voller Glück und Freude. Doch dann änderte sich alles. Ihre Mutter starb an einer geheimnisvollen Krankheit gestorben. Keiner der Ärzte ihres Vaters hatte etwas dagegen tun können, dass die Fürstin immer schwächer und schwächer wurde. Man sprach von Zauberei und bösen Geistern, die die Krankheit verursacht haben sollten. Doch niemand wusste, wer sie geschickt hatte, denn die Herrscherin war stets gütig und freundlich. Ihr Volk liebte sie sehr. Doch nun musste Ya-o-wen jeden Tag mit ansehen, wie die Lebenskraft den Körper ihrer Mutter verließ und sie selbst war gezwungen, Aufgaben zu übernehmen, für die sie eigentlich noch viel zu jung war. Dann, eines Morgens, war es vorbei.
Ihre Mutter war gestorben und ihr Vater so voller Kummer und Trauer, dass er die wunderschönen Teppiche im Zeltbau seiner Frau von den Wänden riss und ins Feuer warf. Er aß nichts mehr und sprach mit niemandem. Bisweilen, wenn Ya-o-wen zu seiner prachtvollen und groß angelegten Unterkunft schlich und an der Wand lauschte, hörte sie ihn schluchzen und ihr Herz wollte fast zerbrechen. Sie hatte fürchterliche Angst gehabt, auch ihn zu verlieren, fühlte sich allein und verlassen.
Dann, nach einiger Zeit öffnete sich der Eingang und er trat heraus. Abgemagert und hager sah er aus und das freundliche Funkeln seiner Augen war erloschen. Dies war bis heute so geblieben. Er war ein bitterer Mann geworden und hatte auch für seine Tochter kaum einmal ein freundliches Wort übrig. Ya-o-wen aber liebte ihn über alles. Er sorgte für ihre Sicherheit. Er kümmerte sich darum, dass ihr Volk zu Essen und zu Trinken hatte und niemand ohne Hütte war. Doch es sollte nicht der einzige Schicksalsschlag sein, der sie traf.
Nur kurz nach dem Tod ihrer Mutter erfolgte der erste Angriff. Sie kamen aus dem unwirklichen Land und sie nutzen das Dunkel der Nacht. Obwohl die Kromaner über eine starke Befestigung und nicht wenige gut ausgebildete Soldaten verfügten, richtete der Feind verheerende Schäden an. Viele Soldaten, aber auch einfache Bewohner des Landes wurden getötet. Es waren die Drokusen, die wie eine Horde Wilder in ihr Land eindrangen und dort, wo sie auftauchten, brachten sie Verwüstung und Tod. Mit festen Bürstenstrichen bearbeitete Ya-o-wen ihr Haar und dachte voller Wut und Hass an die Drokusen, die so viel Schrecken und Elend über die Kromaner gebracht hatten. Sie nahmen sich, was sie wollten. Und das, was sie am meisten wollten, waren … Die Kinder.



Autorin: 

Michaela Knospe wurde 1960 in Trier geboren.
Seit fast zwanzig Jahren lebt sie in einem sehr schönen Ort im Hunsrück, direkt an der saarländischen Grenze, und arbeitet als Lehrerin an einer kleinen Grundschule.
In ihrer Freizeit ist sie oft mit ihren beiden Border-Collies Emma und Maxi unterwegs.
2012 gründete sie den Miko-Verlag Lesen&Kunst.
Sie schreibt bereits seit vielen Jahre Kinderbücher und so entstanden die Bücher „Qualmis Abenteuer“,Adele die fliegende Spitzmaus“ und die Buchreihe über den ängstlichen Piraten Käpten Schisshose. Daneben stammen aus ihrer Feder auch zwei buchbegleitende Theaterstücke für Kinder, sowie zwei Literaturprojekte zu ihren Büchern, die mit großem Erfolg an Schulen eingesetzt werden. Unter dem Pseudonym Beatrix Lohmann veröffentlicht sie auch Werke für ältere Leser. Neben den Büchern vertreibt Michaela Knospe über ihren Verlag auch selbst gemalte Bilder in Acryl und Lichtinstallationen.
Über Besucher auf ihren Verlagsseiten, www.miko-verlag.de, freut sie sich sehr.

Sonntag, 26. März 2017

Kongress der Magier von Klaus Kurt Löffler



Klappentext: MERLIN, der Großmeister der Magierloge, fürchtet um sein Leben. Raspoltin, ein schwarzer Magier aus Rumänien, hat ihn zu einem *magischen Duell* herausgefordert, das auf der Tagung in St. Wolfgang ausgetragen wird. Er bittet die Junior-Detektive um Hilfe. Denn der Herausforderer hat angedroht, dass er den Großmeister verschwinden lassen wird. Die Aufgabe ist schwerer, als von den Jungen erwartet. Und Merlins Verdacht bestätigt sich auf schreckliche Weise.

Erhältlich bei Amazon und beim Autor

Leseprobe:

Erstes Kapitel: Ein neuer Klient
Sie wurden schon erwartet. Der Portier wies ihnen den Weg hinauf in den ersten Stock. Ihr Auftraggeber war ein langer Mann mit strengen Gesichtszügen und spitzer Nase, bei dem Haare und Bart schon angegraut waren. Man sah ihm an, dass er keinen bürgerlichen Beruf hatte. Eine geheimnisvolle Aura umgab ihn und ließ ihn, wie es den Jungen erschien, von innen heraus leuchten.
»Als Magier arbeite ich unter dem Künstlernamen MERLIN«, begann er nach kurzer Begrüßung. »Meine Illusionen gehören zu den besten der Welt. Ich habe in fast allen Ländern der westlichen Hemisphäre Triumphe gefeiert. Deshalb hat man mir den Beinamen ›der Unvergleichliche‹ verliehen.«
 Der Sprecher verstummte und musterte die Jungen eine ganze Weile, als frage er sich, ob sie das leisten könnten, was er von ihnen erwartete. Was er sah, stellte ihn wohl zufrieden. Denn er fuhr fort: »Trotzdem benötige ich jetzt Beistand! ... Wie ich bereits am Telefon erwähnt habe, ist mein Leben bedroht.«
»Wäre es dann nicht besser, die Kriminalpolizei einzuschalten?«, fragte Micha. »Ich könnte dies für Sie in die Wege leiten.«
»Keine Polizei!«, äußerte Merlin bestimmt, »jedenfalls jetzt noch nicht. Ich habe mich an euch gewandt, damit nicht bekannt wird, dass ich mich nicht selbst schützen kann. Mein Ansehen steht auf dem Spiel.«
»Es ist keine Schande, Schutz zu suchen, wenn man bedroht wird«, bemerkte Max. »Jeder Promi hat heute einen Bodygard, selbst wenn keine konkrete Gefahr besteht.«  
»Das wird die Öffentlichkeit bei einem Magier-Großmeister vielleicht anders sehen«, erwiderte Merlin mit milder Ironie. »Immerhin nehmen wir für uns in Anspruch, übersinnliche Kräfte zu haben und Dinge zu können, die normalen Menschen nicht möglich sind.«
»Entspricht dies denn nicht der Wahrheit?«
»Bei den meisten von uns sicherlich nicht. Wir arbeiten mit Illusionen, bei denen den Menschen nur vorgegaukelt wird, dass es sich um unerklärliche Vorgänge handelt. Ich darf allerdings nicht verschweigen, dass einige von uns über Fähigkeiten verfügen, die sich der Erklärung verschließen.«
»Was ist der Unterschied zwischen Zauberer und Magier?«
Merlin lächelte fein. »Wenn man überhaupt einen solchen finden will, ist es ein gradueller. Zauberer nennt sich jeder, der einige Kunststücke beherrscht, mit denen er auf Kindergeburtstagen, Familien- und Betriebsfesten auftritt. Ein Magier dagegen wendet sich an ein großes Publikum, das er mit spektakulären Illusionen blendet und in Erstaunen versetzt. Wie ich schon andeutete, sind die Tricks schwer zu durchschauen und es ist nicht immer auszuschließen, dass echte Magie im Spiele ist.«
Merlin strich nachdenklich mit der Hand über den Bart. »Um zum Thema zurückzukommen: In meinem Fall geht es vordergründig nicht um Bedrohung mit physischer Gewalt, sondern mit magischer Kraft. Als Großmeister müsste ich eigentlich in der Lage sein, mich davor zu schützen. Das macht es für mich schwer, fremde Hilfe zu erbitten.«
»Wie sind Sie auf uns gekommen?«, fragte Micha.
»Jemand am Ort, dem ich meine Sorgen anvertraut habe, hat euch empfohlen. Er sagte, dass ihr heikle Fälle geräuschlos lösen könnt. Eure Jugend kann in meinem Fall nur vom Vorteil sein. Ihr werdet kein Misstrauen erregen, wenn ich euch in die Veranstaltung einschleuse.«
Merlin machte eine bedeutungsvolle Pause und fuhr dann fort: »Ich muss etwas weiter ausholen. Ihr wisst, dass auf dem Kongress, der alle vier Jahre stattfindet, der neue Großmeister ermittelt wird, der die Geschicke der Loge bis zur nächsten Versammlung lenkt. Gewählt wird der, der in dem Wettbewerb die beste magische Leistung erbringt. Ich habe dieses Amt seit vielen Jahren inne, weil ich immer Sieger des Wettstreits geblieben bin. Das ist diesmal aber nicht sicher.« Merlin seufzte und strich sich besorgt über die Stirn. 
»Es gibt einen Herausforderer aus Rumänien, der sich ›Raspoltin‹ nennt«, fuhr er fort. »Er ist erst seit kurzem in unserer Vereinigung, hat aber bereits erhebliches Aufsehen erregt. Man hört die unglaublichsten Sachen von ihm. Er soll mit bloßer Geisteskraft Dinge bewegen können. Es ist klar, dass er der einzige ist, der mir meine Position streitig machen kann. Letztlich wird also die Entscheidung zwischen uns beiden getroffen. Nun hat er mich im Streit um die Meisterschaft zu einem ›magischen Duell‹ herausgefordert. Er hat öffentlich angekündigt, ›mich verschwinden zu lassen‹, wie immer er das bewerkstelligen will.«
Die Jungen blickten sich verblüfft an. »Nehmen Sie die Bedrohung ernst?«, erkundigte sich Micha
»Auf jeden Fall!«, antwortete der Magier. »Deshalb schalte ich euch ja ein. Raspoltin würde eine solche Ankündigung nicht aussprechen, wenn er sich nicht Mittel und Wege ausgedacht hätte, sie wahrzumachen. Andernfalls würde er als Aufschneider dastehen und wäre blamiert.«
»Glaubt ihr, dass er das schaffen kann?«, fragte Micha.
»Könnt ihr einen solchen Angriff abwehren?«,  fügte Max hinzu.
»Mit seinen telekinetischen Fähigkeiten wird er bei mir nichts erreichen“, erwiderte der Großmeister selbstbewusst. »Dazu ist meine Abwehr zu stark. Ich fürchte aber, dass er zur List oder physischen Gewalt greifen wird, die er hinter einer Illusion verbirgt. Es steht viel auf dem Spiel. Wenn es ihm gelingt, seine Ankündigung wahrzumachen, wäre er der größte Magier aller Zeiten und könnte Titel und Amt eines Großmeisters auf Lebenszeit beanspruchen!«


Klaus Kurt Löffler:
Als studierter Jurist war ich zuletzt als Vorsitzender Richter am Landgericht tätig. Nach meiner Pensionierung habe ich während eines Aufenthalts in St. Wolfgang am Wolfgangsee mit dem Schreiben von Jugendbüchern angefangen. Der Schauplatz und meine beruflichen Erfahrungen wollten es, dass es Detektivgeschichten wurden, in denen die Landschaft eine entscheidende Rolle spielt. Es steht bei mir aber nicht das Verbrechen, sondern das hinter ihm stehende Rätsel im Vordergrund. Denn meine Junior- Detektive lösen ihre Fälle mit Köpfchen.