Sonntag, 10. Juli 2016

Sommerpause

Liebe Besucher,

die Schmökerfreaks machen eine Sommerpause. Wer auf der Suche nach einer Ferienlektüre ist, wird im Archiv sicher etwas Passendes finden. Am einfachsten lässt es sich unter Autoren stöbern. Ende August werde ich wieder neue Bücher vorstellen. Bis dahin wünsche ich allen Lesern einen schönen Sommer und gute Erholung.

Sonntag, 3. Juli 2016

Die magische Macht der Bären von Christel Dörner



Klappentext

Das Geschenk einer alten Frau verändert Hannas Leben.
Für sie öffnet sich dadurch eine Tür:
In ihrer eigenen Gegenwart kann sie plötzlich Menschen aus der Vergangenheit sehen,
die auf Zeitreise sind.
Ein Sturm der Gefühle durchfährt Hanna.
Sie entdeckt eine Tür durch die sie selber in die Vergangenheit reisen kann.
Als eine Explosion diese Tür für immer schließt sind Menschen in ihrer Zeit gefangen,
wird sie für diese Menschen zur Retterin? Kann sie vielleicht sogar ihr eigenes Zuhause retten?
Für Hanna beginnt ein spannendes und gefährliches Abenteuer.
Erhältlich bei Amazon.

Kapitel 11: DER WÄCHTER DER ZEIT

„Können wir jetzt los?“ Anna drängte. „Jetzt ist gerade die richtige Zeit, wenn du dein Vorhaben verwirklichen willst.“ „Wir müssen aber in den Keller, ich brauche Hammer und Meißel.“ Das Werkzeug war schnell gefunden und in einem Beutel untergebracht. Sich unterhaltend verließen die Mädchen das Haus, sie bemerkten nicht, dass eine Gestalt ihnen in einigem Abstand folgte.

An der Bäckerei angekommen verabredeten die Mädchen, dass Anna vor dem Laden warten sollte, während Hanna ihr Glück mit dem Beschaffen der Papiere versuchen wollte. Hanna achtete jetzt gar nicht mehr darauf, ob noch andere Kunden im Laden waren, sie ging hinein und direkt zur Seitentür.

Es war schon spät, sie war sich nicht sicher, ob ihr Vorhaben heute noch gelingen würde. Ihr Plan war es, einfach früher in der Zeit als Herr Kranz die Papiere aus der Mauer zu holen. Sie mussten ja dann noch da sein und Hanna könnte sie ihren Eltern bringen.

Genial einfach, fand sie. Auf den Straßen waren noch viele Menschen unterwegs und Hanna bekam ein merkwürdiges Gefühl, wurde sie beobachtet? Hatte Herr Kranz sie durchschaut und versuchte er, ihren Plan zu verhindern? Hanna schaute sich immer wieder um, sie war alleine. Keiner kümmerte sich um sie. Endlich war sie an ihrem Elternhaus angekommen. Wieder schaute sie sich in alle Richtungen um, da war niemand. Hanna untersuchte die Mauer, dann lächelte sie, ihr Plan ging auf. Noch niemand hatte sich an der Mauer zu schaffen gemacht, der Mörtel sah von oben bis unten gleich aus. Hanna machte sich direkt an die Arbeit. Die ersten zwei Steine wollten sich nicht lösen, mit vielen Hammerschlägen schaffte sie es dennoch. Zwischendurch sah sie sich immer wieder um, kein Mensch war zu sehen und Hanna fragte sich, wie es wohl für einen Beobachter aussehen musste, wenn sich Steine aus einer Mauer wie von Zauberhand lösen. Bei dieser Vorstellung musste sie grinsen. Die nächsten Steine ließen sich leichter abhauen.

Endlich hatte sie es geschafft, sie hatte das Versteck freigehauen. Sie atmete tief durch und schaute hinein. Die Kassette lag unbeschädigt darin. Ihr wurde ganz heiß, so einfach war das gewesen. Warum war sie nicht schon eher auf diese Idee gekommen? Jetzt nur noch ab nach Hause und Herrn Kranz enttarnen. Papa würde ihn bestimmt anzeigen. Hanna packte ihr Werkzeug wieder ein. Vorsichtig wie einen Schatz  steckte sie die Kassette auch in die Tüte. Dann legte sie die Steine noch so gut sie konnte wieder auf die Mauer und ging fröhlich pfeifend Richtung Bäckerei. Anna würde staunen.

Plötzlich war ihr seltsames Gefühl wieder da. Es war stärker als vorher, es gab aber keine Anzeichen, dass irgendwer sie beobachtete. Hanna konnte sich nicht erklären, warum sie so fühlte. Dann war sie wieder bei der Bäckerei, sie sah die Seitentür schon, als sich ihr plötzlich eine Gestalt in den Weg stellte. Sie hatte diesen Mann noch nie gesehen, er sah unheimlich aus, auf dem linken Auge trug er eine Augenklappe. Nach ihrem ersten Schreck dachte Hanna, der kann mich ja gar nicht sehen, also versuchte sie, an dem Mann vorbeizukommen. Der aber stellte sich einen Schritt weiter wieder vor sie. „So kommst du mir nicht davon“, grollte er, „du willst etwas aus dieser Zeit entwenden. Das würde die Zukunft verändern, es gibt ein ungeschriebenes Gesetz, das lautet: Nichts darf von einer Zeit in die nächste und umgekehrt mitgenommen werden.“ „Wer bist du? Wirst du von Herrn Kranz bezahlt?“ Hanna stellte diese Fragen mit fester Stimme, obwohl sie innerlich zitterte und das Gefühl hatte, jeder einzelne Knochen in ihrem Leib führe ein Eigenleben.

„Ich bin ein Wächter der Zeit und was hast du mit Herrn Kranz zu tun?“ Die Stimme des Mannes klang wie Donnergrollen. „Ich habe hier Beweise, dass dieser uns betrügen will, es sind Papiere meines Großvaters. Herr Kranz will sich unser Haus aneignen.“ „Herr Kranz ist ein Verbrecher, ich kann dich verstehen. Trotzdem kann ich dich mit den Sachen nicht gehen lassen. Gesetz ist Gesetz.“

Verzweifelt dachte Hanna nach, es musste doch einen Weg geben, sie war dem Ziel so nahe. Plötzlich sah sie Herrn Kranz. Der kam mit einem höhnischen Lächeln auf sie zu, stockte aber, als er sah, wer da bei Hanna stand. Dann lief er zur Bäckerei. „Da, da läuft Herr Kranz!“ Hanna schrie es aufgeregt. Der Wächter sah sich um und sah, wie Herr Kranz jeden Augenblick die Seitentür erreichen würde. „Stehen bleiben, du Ungeheuer!“, befahl er.
Herr Kranz dachte gar nicht daran, stehen zu bleiben, sondern flog förmlich auf die Seitentür zu und für einen Augenblick sah es so aus, als würde sich der Wächter hinterher machen. Er hob seine Hand und ein Feuerball flog Richtung Tür. Herr Kranz war Sekundenbruchteile schneller und hatte es gerade noch einmal geschafft. In buchstäblich letzter Sekunde zog er noch seine kleine Waffe und schoss – schon im Sprung – auf den Wächter.

Mit weit aufgerissenen Augen schaute Hanna zu. Der Wächter brach zusammen. Keinem der Leute, die auf der Strasse waren, fiel etwas auf. Hanna stand einen Moment wie benommen da. Sie könnte jetzt ungehindert zur Tür gehen, aber dieser Mann brauchte dringend Hilfe. Er blutete stark. Ohne weiter zu überlegen, nahm Hanna ihren Teddy aus der Jacke und legte ihn dem Wächter auf die Wunde. Verblüfft schaute der am Boden liegende große Mann auf Hanna, dann auf seine Schussverletzung. Die Blutung stoppte sofort und man konnte sehen, wie sich das Loch in seiner Brust langsam schloss. Der Wächter machte die Augen zu. „Ich wusste ja nicht, dass du so mächtig bist. Verzeihe mir bitte, dass ich dich aufhalten wollte. Du kannst passieren und - danke.“ Hanna nickte nur. Der Wächter hielt die Augen immer noch geschlossen, er atmete aber ruhig und tief. Hanna nahm ihren Teddy vorsichtig hoch, schaute ihn an und sagte: „Danke!“ Teddy brummte, das hatte er lange nicht getan. Hanna ging zur Tür, innerlich wappnete sie sich für den nächsten Kampf. Sie war sich sicher, dass Herr Kranz sich nicht geschlagen geben würde. Sie spürte den Sog, verpackte Teddy schnell noch in ihrer Jacke und knallte gegen eine Wand. Sie versuchte es noch einmal, es ging nicht!

Obwohl die Tür wie immer aussah, kam sie nicht durch. Was nun?......

Kurzvita

Mein Name ist Christel Dörner, ich wurde am 23.7.1949 in Wuppertal geboren und lebe noch heute dort.

Gelernt habe ich einen kaufmännischen Beruf im Pharmazeutischen Großhandel.

Ich habe drei eigene Kinder und zwei Pflegekinder großgezogen. Die Pflegekinder kamen mit zwei bzw. vier Jahren zu uns und blieben bis zur Volljährigkeit. Dazu bekamen wir ab und an Besucherkinder, um die sich die Eltern zeitweise nicht kümmern konnten.
Ein Junge, er war 11 Jahre alt und seine Mama sehr krank, brachte einen kleinen alten Teddy mit. Er war am Anfang sehr traurig und ich habe versucht, ihn mit Geschichten um den Teddy aufzumuntern. So wurde der Grundstein für das Buch gelegt.

Allerdings habe ich früher schon kleinere Geschichten geschrieben, die zum Teil noch bei mir in der Schublade liegen. Ich empfinde das Schreiben sehr entspannend. Wenn ich einen Stift in die Hand nehme macht der sich selbstständig und ich bin am Ende selber überrascht was dabei herauskommt.

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Sonntag, 26. Juni 2016

Rowan - Kampf gegen die Drachen von Aileen O'Grian



Band 1 der Kurzromanreihe um den Magier Rowan
Rowan besitzt schon als Kind die magischen Fähigkeiten der Familie – so zum Beispiel mit Heil-Liedern, Handauflegen, Pflanzen und Kräutern zu kurieren und mit Tieren zu sprechen. Sein Großvater Bunduar, ein mächtiger Großmagier, fördert Rowans Begabungen und bereitet ihn darauf vor, einmal sein Nachfolger und ein bedeutender Beschützer des Magierreichs zu werden. Dabei möchte Rowan viel lieber wie seine Freunde ein edler Ritter werden. Als Drachen in das Land einfallen und die Menschen bedrohen, erkennt Rowan schließlich, wie wichtig Magier sind.

 
Leseprobe:

 
Mardok und Ottgar stellten sich neben einen großen Stein ins Wasser und warteten. Rowan hatte noch nie gesehen, wie jemand mit bloßen Händen Fische fing. Großvater und Mutter aßen keine Tiere. Und ihr Nachbar, Bauer Rotur, benutzte dazu Netze. Manchmal half Rowan ihm beim Fischen.
Eine Weile schaute Rowan seinen beiden Freunden zu. Sobald ein Fisch in ihre Nähe kam, bückten sie sich und griffen mit beiden Händen zu. Mardok erwischte auch bald einen, Ottgar griff mehrmals daneben. Er war zu ungeduldig und wartete nicht lange genug, wie Rowan schnell erkannte. Rowan suchte sich einen anderen Stein und stieg ins Wasser. Es dauerte nicht lange, da schwamm eine Forelle vorbei. Lautlos und langsam bewegte sich Rowan und hatte sofort den Fisch gegriffen. Doch er spürte die Angst des Tieres, und sobald er es aus dem Wasser hob, auch den Schmerz und die Atemnot. In seiner Todesangst wand sich der Fisch in seinen Händen und Rowan ließ verschreckt los.
„Hättest du nicht besser festhalten können? So ein großer Kerl“, schimpfte Mardok. Doch Rowan wandte sich ab und stieg wieder aus dem Wasser. Ottgar kam hinterher.
„Was ist los?“, fragte er.
Rowan zuckte die Achseln. „Nichts.“
„Blödsinn, sag schon.“ Ottgar sprach leise, damit Mardok nichts verstand.
„Ich habe gespürt, wie der Fisch litt“, murmelte Rowan leise. Nicht leise genug, denn Mardok war herangetreten und hatte es gehört.
„Blödsinn, Fische spüren nichts.“
„Doch, sie leiden sehr, wenn man sie fängt.“ Rowan konnte nicht verstehen, dass seine Freunde den Schmerz der Tiere nicht fühlten. Schade, dass Ottgar so gar nichts von der magischen Begabung seiner Vorfahren geerbt hatte. Sie wären sonst sicher noch viel besser miteinander ausgekommen.
„Dummheit, wir würden verhungern, wenn wir kein Fleisch und keine Fische essen würden.“
Rowan antwortete ihm nicht, sondern lief zur Burg. Er musste seinen Großvater fragen, warum sie keine Tiere aßen. Und sie verhungerten trotzdem nicht! Aber Großvater war nirgends zu finden. Er war weder in seinen Räumen, in denen er studierte, arbeitete und schlief, noch in den Ställen.
Als Roman eintrat, versuchte der Pferdeknecht Karduar gerade, ein neugeborenes Fohlen an die Zitzen der Stute zu schieben, doch die drehte sich weg und wollte das Fohlen nicht trinken lassen. Peruan beobachtete die Situation besorgt. „Wir müssen es mit der Hand aufziehen.“
„Ich habe schon versucht, es einer anderen Stute unterzuschieben, aber das hat nicht geklappt.“ Karduar drängte die Stute in die Ecke und Peruan hielt ihren Kopf mit Gewalt fest. Aber sie wehrte sich und trat nach ihnen. Auf diese Weise konnte das Fohlen nicht trinken.
Enttäuscht wollte Rowan gerade den Stall verlassen, als seine Freunde kamen. Sie hatten ihre Fänge in der Küche abgegeben und wollten sich das kleine Fohlen anschauen.
„Großvater, Rowan hatte so eine große Forelle gefangen und sie wieder entkommen lassen, weil er angeblich den Schmerz des Fisches gespürt hat.“ Mardok zeigte mit seinen Händen, wie groß das Tier gewesen war.
„Magier spüren mehr als wir, Mardok. Nur deshalb können sie mit Elfen und Geistern in Kontakt treten.“
„Aber unsere Leute brauchen doch etwas zu essen“, verteidigte sich Mardok.
„Es ist auch nicht verboten, Fleisch und Fisch zu essen. Aber erwachsene Magier und Priester essen so etwas nicht.“
„Rowan ist doch ein Kind, er ist zwei Jahre jünger als ich.“
Peruan lachte. „Lass ihn in Frieden, er weiß selbst am besten, was gut für ihn ist.“ Er ging mit Mardok und Ottgar aus dem Stall und nickte Rowan aufmunternd zu.
Als sie gegangen waren, sagte Karduar: „Natürlich leiden Tiere unter Schmerzen und Angst. Wer spürt, was die Tiere fühlen, kann besser mit ihnen umgehen. Du bist der beste Reiter von euch dreien, weil du mit den Tieren sprichst.“
Rowan lächelte Karduar an. Er trat näher und schaute, wie Karduar das Fohlen aus der Box trug.
„Sie hat Schmerzen.“
Karduar setzte das Fohlen ab. „Was sagst du da?“
„Die Stute hat Schmerzen, deshalb lässt sie das Fohlen nicht an das Euter.“
Karduar betrat noch einmal die Box, Rowan folgte ihm und tätschelte den Kopf der Stute, dabei murmelte er leise etwas, während Karduar die Zitzen abtastete.
„Du hast recht. Heiß und geschwollen. Vielleicht kann dein Großvater helfen.“
Er brachte das Fohlen in die Nachbarbox, dann ging er gemeinsam mit Rowan zum Falkner, wo er Bunduar vermutete. „Der neue Adler hat sich ein Bein gebrochen“, erklärte Karduar.
Bunduar stand neben dem Falkner und beobachtete einen frisch abgerichteten Habicht, der am Himmel kreiste. Auf einer Stange saß der Adler mit einem bandagierten Bein. „Das wird wieder.“ Bunduar nickte Karduar zu.
„Die junge Stute lässt ihr Fohlen nicht trinken, wir dachten erst, es wäre, weil es ihr erstes ist, aber Rowan meinte, sie habe Schmerzen, und tatsächlich sind ihre Zitzen heiß und geschwollen.“
„Dann werde ich es mir einmal ansehen.“ Er ging aber nicht gleich zum Stall, sondern suchte seine Arbeitsstube auf. Dort nahm er einige Kräuter aus seinen Säcken, zerrieb sie im Mörser und vermischte sie mit Fett.
Rowan erzählte seinem Großvater, während dieser arbeitete, von dem Fisch. „Mardok war böse, weil ich ihn losgelassen habe.“
„Natürlich spüren Tiere Schmerzen und Angst. Deshalb muss man sie gut behandeln. Und man darf Tiere nur töten, wenn es nötig ist.“
„Zum Essen ist es nicht nötig. Du isst doch auch kein Fleisch“, stellte Rowan fest.
„Fleisch macht stark. Ritter müssen es deshalb essen; außerdem reicht die Ernte häufig nicht für alle. Vor allem im Winter gehen die Vorräte oft aus, und dann muss man Tiere schlachten oder auf die Jagd gehen.“
Rowan dachte darüber nach. Sein Großvater füllte die Salbe in eine Holzdose, murmelte ein Gebet und sang dann eins seiner Heil-Lieder. Rowan stimmte ein. Eine ganze Reihe Lieder kannte er schon auswendig, aber er würde noch viele weitere lernen müssen.
Auf dem Weg zum Stall erzählte Großvater von einem guten Pferd, dass sich bei einer Jagd ein Bein gebrochen hatte. „Ich konnte ihm nicht helfen. Da Pferde meistens stehen, heilen die Brüche nicht gut. Bevor es sich quälte und dann doch starb, habe ich es getötet.“
Rowan schluckte.
„Das gehört auch zu unserer Arbeit“, sagte Großvater.
Karduar erwartete sie schon. Bunduar betrat die Box und redete leise auf die Stute ein. Sie wurde ganz ruhig und ließ sich widerstandslos von ihm untersuchen. Schließlich verlangte er eine Schale und wies Rowan an, den Kopf der Stute zu halten und leise mit ihr zu sprechen.
Er selbst zog ein Messer aus seinem Gürtel und schnitt die entzündete Stelle auf. Übel riechender Eiter quoll aus der Wunde. Bunduar drückte mit seinen Händen, während Karduar den Eiter in der Schale auffing. Anschließend rieb Bunduar die Wunde und die Umgebung mit der Salbe ein. Er wies Karduar an, stündlich die Salbe erneut aufzutragen. Dann ging er zum Fohlen hinüber. Das Tier lag geschwächt auf dem Stroh. Er hob es hoch und trug es zu seiner Mutter hinüber. Leise stimmte er ein Lied an, das Rowan noch nie gehört hatte, und hielt das Fohlen an die Zitze. Diesmal ließ die Stute es trinken. Vorsichtshalber trug Bunduar es hinterher wieder in die Nachbarbox.
„Ich schaue nachher vorbei, dann helfen wir dem Fohlen noch einmal beim Trinken.“
Er ging zum Brunnen und wusch sich die Hände und Unterarme, dazu holte er ein Stück Seife aus einem Beutel, der an seinem Gürtel hing. Rowan folgte seinem Beispiel.

Aileen O‘Grian
Was wäre wenn? - Fantasy als Spiel mit den Möglichkeiten
Seit Jahren schreibe ich aus Spaß am Phantasieren Märchen, Fantasy und Science-Fiction und habe diverse Kurzgeschichten in Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlicht.
Den Magier Rowan mag ich so gern, dass ich mir vorgenommen habe, eine Kurzromanreihe zu schreiben.
Leseproben von mir gibt es auf meinem Blog: http://aileenogrian.overblog.com/


Sonntag, 19. Juni 2016

"Die Gedankenwenderin, Buch Eins der Mentalisten-Serie" von Kenechi Udogu


Titel der Originalausgabe:
"Aversion, The Mentalist Series Book One"

Übersetzerin:
Jana Köbel

Klappentext:

Für Gemma Green hätte das erste Mal ein Kinderspiel sein sollen: Finde deine Zielperson, blicke ihnen tief in die Augen und pushe einen Gedanken in ihren Kopf, um sie vor zukünftigen Katastrophen zu bewahren – Gedankenwendung vollbracht! Ein ziemlich einfacher Prozess, wenn man bedenkt, dass die Zielperson später keine Erinnerung an die Erfahrung haben sollte. Aber Russel Tanner scheint nicht vergessen zu wollen. Im Gegenteil, je mehr sie ihm aus dem Weg geht, desto mehr drängt er darauf sie näher kennenzulernen. Gemma weiß, dass sie in Schwierigkeiten ist, aber hat sie es mit den Nebenwirkungen einer schiefgegangenen Gedankenwendung zu tun oder hat sich der Tennis-Champion der Schule wirklich in sie verliebt? 
 
Erhältlich bei Amazon
 
 Leseprobe:

 Kapitel 3

An diesem Nachmittag war das Pintos leer. Selbst die üblichen zwei oder drei Leute, die sonst an den klebrigen Holztischen saßen und schon am frühen Nachmittag schales Bier tranken, waren nicht anwesend. Ich hatte keine Ahnung, wie die Eigentümer es schafften Gewinn mit dem Laden zu erzielen, aber an diesem Nachmittag war der Ort perfekt für mein Gespräch mit Russel. Und ja, ich war immer noch naiv genug zu glauben, dass ein einfaches Gespräch mit ihm sowohl den Grund als auch die Lösung des Problems offenbaren würde. Ich hasste es, Geheimnisse vor meinem Vater zu haben und ich wollte diese Sache nicht unnötig in die Länge ziehen. Vielleicht müsste ich Russel nur die richtigen Fragen stellen und alles würde sich aufklären.
Er kam ein paar Minuten nach mir herein und sah sich angewidert im Café um bevor er mich bemerkte und lächelnd auf mich zukam.
»Gute Wahl. Niemand bei klarem Verstand würde hier etwas essen wollen, also sind wir definitiv sicher«, scherzte er.
Er hatte Recht. Niemals hätte ich hier etwas bestellt, denn die Tische stanken nach altem Bier und Erbrochenem. Ich wollte mir nicht vorstellen, wie es in der Küche aussah.

»Okay, ich war noch nie hier drin, aber es schien mir der perfekte Ort für eine ungestörte Unterhaltung. Und das wolltest du doch, oder? Reden?«

Russel zuckte mit den Schultern und nahm die Speisekarte, um sie zu überfliegen. »Und miteinander abhängen, wie zwei normale Jugendliche. Verstehst du das Konzept?«

Wenn er nur wüsste, dass ich das Konzept wirklich nicht verstand.

»Siehst du, das ist mein Problem. Ich verstehe nicht, weshalb du überhaupt mit mir abhängen willst. Du hast all deine anderen Freunde. Und wenn die dir auf die Nerven gehen, kannst du deine Aufmerksamkeit bequem auf jedes andere Mädchen in der Schule lenken und es würde dir mit Freuden um den Hals fallen. Du und ich, wir haben ja nicht einmal eine gemeinsame Gesprächsbasis. Warum solltest du mit mir reden wollen? Und warum jetzt?« Es fiel mir schwer, nicht gereizt zu klingen.

Russel legte die Karte zur Seite und fixierte mich mit seinen Augen. Die Intensität seines Blickes verunsicherte mich, aber ich hielt ihm stand. Ich war gut in diesem Spiel: mehr als einmal hatte ich mich gegen angsteinflößende Leute im Bus behauptet. Seltsamerweise wirkte das aber nicht bei Russel. Es war, als suchte er etwas in meinen Augen – etwas, das seine unausgesprochenen Fragen beantwortete. Etwas, das ihm half zu verstehen, was in aller Welt hier vor sich ging.

Endlich sah er weg und seufzte. »Die Wahrheit? Ich weiß es nicht. Letzte Woche bin ich eines Morgens aufgewacht und du warst in meinem Kopf. Ich hatte einen unkontrollierbaren Drang mit dir zu reden. Natürlich bist du mir schon früher aufgefallen – du bist schwer zu übersehen – aber ich hatte immer das Gefühl, dass du unnahbar wärst und mich sofort abblitzen lassen würdest. Aber an jenem Morgen fühlte ich, dass etwas anders war. Wenn ich den Mut aufbringen könnte dich anzusprechen, würde es funktionieren. Und hier sind wir, in einem schmuddeligen kleinen Café, und reden. Ich vermute mein Gefühl war richtig.« Er grinste und sah mir wieder in die Augen, während mein Gehirn versuchte diese Informationen zu verarbeiten.

Was hatte er gemeint, als er sagte ich wäre schwer zu übersehen? Ich dachte, ich hätte die Technik der Unsichtbarkeit im Laufe der Jahre perfektioniert, aber offensichtlich musste ich noch daran arbeiten. Ich war zwar erleichtert zu hören, dass er nicht mehr als ein komisches Gefühl hatte, aber nichts von dem, was er mir bisher gesagt hatte, war für mich hilfreich. Ich konnte nichts von alledem nutzen, um seine Gedanken zu korrigieren. Einen Augenblick musterte ich ihn schweigend, bis mir bewusst wurde, dass er auf eine Antwort wartete. Ich sollte ihn beruhigen, ihm versichern, dass er bei klarem Verstand war und das Gesagte durchaus sinnvoll und begründet war. Damit würde ich aber einräumen, dass Menschen plötzlich aufwachen und den unheimlichen Drang verspüren konnten, Dinge zu tun, an die sie vorher nie gedacht hätten.

Ich entschied auf vertrautem Gelände zu bleiben und auf Gegenangriff zu gehen. »Erzählst du das jedem Mädchen?«

Zuerst sah er mich verständnislos an, als er aber sah, dass ein Lächeln meine Lippen umspielte brach er in nervöses Lachen aus. Warum hatte ich kein ernsteres Gesicht machen können, als ich das sagte?

Wieder nahm er die Speisekarte zur Hand und spielte damit. »Du bist mir immer aufgefallen, Gemma. Du erinnerst dich wahrscheinlich nicht an die wenigen Male, die wir miteinander sprachen …«

»Wir haben niemals …«, begann ich zu protestieren, aber er unterbrach mich.

»Letztes Jahr auf der Exkursion zu diesem Kriegsdenkmal hast du mich gebeten dir Platz zu machen, damit du zu deinem Sitz kommen konntest.«

Ich starrte ihn ungläubig an. »Das zählt nicht.«

»Und ein anderes Mal konntest du ein Buch in der Bibliothek nicht erreichen und ich habe es für dich aus dem Regal geholt. Das war ebenfalls letztes Jahr.«

Ich war sprachlos. Diese Momente waren kaum der Rede wert. Ich hätte sie in einer Unterhaltung niemals erwähnt. Warum erinnerte er sich an diese Sachen? Es klang ja fast so, als ob … aber nein, das konnte nicht sein. Russel Tanner stand nicht auf mich. Dieses Gerede musste das Resultat meiner geistigen Manipulation sein. Ich konnte spüren, dass er glaubte die Wahrheit zu sagen, aber das bildete er sich nur ein. Warum sollte er ausgerechnet an mir interessiert sein? Und ich meinte das nicht in einer ‚Ich-bin-ein-Niemand-und-tue-mir-selbst-leid’-Art. Ich war tatsächlich ein sozialer Niemand, aber nicht unattraktiv. Ich hatte Jungs ertappt, wie sie mich anstarrten – und das schon bevor ich zwölf war und meinem Vater erklären musste, dass ich einen BH brauchte. Also konnte es nicht nur mein Vorbau sein, den sie anstarrten. Aber ich war nicht annähernd so hübsch wie einige der anderen Mädchen, mit denen er rumhing. Ich trug kein Make-up wie die meisten von ihnen (Lippenbalsam zählte nicht), obwohl ich mir die kleine Eitelkeit von Ohrsteckern erlaubte und mir Mühe gab, dass mein Haar möglichst gesund aussah. Vielleicht stand Russel auf schöne Haare und silberne Ohrstecker?

»Ich wünschte, du würdest aufhören mich anzustarren, als ob ich nur Unsinn rede.« Er klang überraschend verletzt und ich hatte beinahe Mitleid mit ihm. Aber ich musste daran denken, um was es hier ging und ihn sanft in eine andere Richtung steuern.
»Sieh mal, Russel, ich weiß, du bist davon überzeugt, dass du mein Freund sein willst, aber ich versichere dir, das wird nicht funktionieren. Wir haben nicht den gleichen Freundeskreis … was ich sagen will ist: ich habe gar keine Freunde und wir wissen beide, dass mich deine nicht mögen werden. Wenn ich aus unerklärlichen Gründen doch entscheiden sollte mit dir rumzuhängen, dann wäre es nur möglich an Orten wie diesen hier, wo uns niemand kennt. Willst du das wirklich? Was wirst du deinen Freunden erzählen, wenn sie dich fragen wo du warst? Ich weiß nicht, wie ich dich noch davon überzeugen soll, dass das hier«, ich machte eine Geste, die uns beide einschloss, »nicht praktikabel ist.«

»Ich will nichts Praktikables, ich will dich!«
 
Autorenvita:

Kenechi lebt in London und schreibt Romane und Erzählungen, die sich mit dem Fantastischen/Übersinnlichen beschäftigen.
Sie hat sieben Jugendbücher sowie Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien veröffentlicht.
Sie hasst Kälte und hofft, eines Tages herauszufinden, wie sie in einen Winterschlaf verfallen kann.