Sonntag, 8. April 2018

„Horizon 3: Zurück zu den Wurzeln“ von Amanda Laurie



Klappentext:

Nach seinen Abenteuern im Süden Horizons kehrt Thronprinz Corin zurück nach Carbonn. Doch statt ein Fest anlässlich seiner Heimkehr zu planen, muss er mit König Bryant über die neuesten Entwicklungen beraten. Die Pläne des Großkönigs gefährden nicht nur das Leben der Bewohner Carbonns, auch der Frieden zwischen den Völkern Horizons droht zu brechen.
Bald wird deutlich, bloße Worte genügen nicht, um den Feind zu bezwingen. Schon befinden sich Prinz Corin, der König und ihre Verbündeten auf dem Weg nach Navretil zum letzten Kampf …

„Horizon – Zurück zu den Wurzeln“ ist der Abschlussband der Fantasy-Trilogie Horizon von Amanda Laurie.

Reihenfolge der Horizon-Romane:
Horizon 1: Aufbruch ins Ungewisse
Horizon 2: Fernab der Heimat
Horizon 3: Zurück zu den Wurzeln

Wo ist das Buch erhältlich?
Das eBook ist erhältlich für 3,99 Euro, zunächst exklusiv auf amazon. Ab Herbst 2018 erscheint die komplette Trilogie auch bei Thalia, Weltbild & Co.
Das Taschenbuch gibt es überall im Buchhandel für 10,99 Euro (ISBN: 978-3-7460-9119-8).
  
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Leseprobe:

Auszug aus Kapitel 1

Als Corin den Stadtrand erreichte, hielt er erstaunt inne. Sein Vater hatte den Bau einer ausgedehnten Stadtmauer in Auftrag gegeben, die die ganze Stadt umschloss. Es schien ausgeschlossen, hier des Nachts um Einlass zu ersuchen und wohlwollend erhört zu werden.
Zielstrebig trat Corin an das schwere, verschlossene Tor. Einer der beiden Wachmänner hatte den Mantelkragen gegen den Wind hochgeschlagen und seinen Helm tief ins Gesicht gezogen, sodass von ihm lediglich der grimmige Zug um den Mund zu erkennen war. Der zweite Mann wirkte nicht so abweisend, seine Augen vermittelten eine Spur Neugier. An ihn wandte sich Corin.
»Seid gegrüßt! Ich ...« Bevor ihm mehr als ein Gruß entschlüpft war, versperrten ihm die Wachen mit ihren Lanzen den Weg. Diese Zurschaustellung fand Corin lächerlich, da das Tor verriegelt war, wie damals ein anderes Tor in der Festungsmauer, als er täglich auf eine Gelegenheit zum Entkommen gewartet hatte.
»Bis zum Morgengrauen bleibt die Pforte geschlossen. Geht Eures Weges, Fremder.«
»Ihr erdreistet Euch, mich abzuweisen?« Ein ungläubiges Lächeln umspielte Corins Mundwinkel. Er hatte nicht erwartet, bei seiner Rückkehr vor verschlossenen Toren zu stehen. Doch weder erinnerte er sich an diese beiden Männer, noch schienen sie zu wissen, wer vor ihnen stand. Entweder waren sie während seines Aufenthaltes in Carbonn auf einem auswärtigen Posten gewesen oder sie waren erst nach Corins Verschwinden in die königliche Garde aufgenommen worden.
»Ich erwarte, vor den König geführt zu werden«, forderte Corin unnachgiebig. »Sofort!«
Die Wachen blickten einander an, kurzzeitig wirkten sie ratlos. Dann sagte der Freundlichere von ihnen: »Der König ist derzeit für niemanden zu sprechen.«
»Glaubt mir, mich möchte er sehen. Ich bin sein Sohn. Sollte er je erfahren, dass Ihr mich nicht eingelassen habt, dann würde er sehr erbost reagieren.«
Ein Flackern in den Augen des einen Wachmannes zeigte seine Unsicherheit. Der Grimmigere von beiden hingegen musterte ihn abschätzig. »Wisst Ihr, was unser Kommandant mit Landstreichern tut? Er sperrt sie in den Kerker, bis sich die Ratten an ihnen satt gefressen haben. Wenn Ihr nicht sofort verschwindet, werdet Ihr dieses Schicksal teilen.«
Ratten? Kerker? Corin war irritiert. Obwohl er nun weiß, wer ich bin, droht er mir? Ist er des Lebens müde? Mit einem Schlag war seine Freundlichkeit wie weggewischt.
»Ich verlange, Euren Vorgesetzten zu sprechen. Sofort!«
»Kommt morgen wieder«, sagte der Freundlichere, der Ärger vermeiden wollte. »Dann werden wir sehen, ob der Kommandant Euch empfangen wird.« Allerdings schien auch er ihm seine Geschichte nicht zu glauben.
Vermutlich würde selbst ich an mir zweifeln, gestand Corin sich ein. Seine Kleidung hatte während des fünftägigen Fluges von Rowenia hierher arg gelitten. Peronimus und er waren in einen Herbststurm geraten. Obwohl sich Corin zeitweise unter Peronimus’ großem Körper vor Wind und Wetter hatte schützen können, stank er nach Tier, war durchnässt und verschmutzt. Seine Haare waren verfilzt und sein Auftreten vermutlich alles andere als vertrauenerweckend. Dennoch war es ihre Pflicht, seine Angaben zu überprüfen. Ärger flammte in ihm auf.
»Ich sagte, sofort!«
Es schien, als wollten sich die Männer mit ihm streiten. Doch plötzlich rief der Grimmige von ihnen zu den Zinnen hinauf nach Unterstützung.
Kurz darauf erblickte Corin auf dem Wehrgang ein Gesicht, mit dem er so bald nicht gerechnet hatte. Der Neuankömmling beugte sich über die Mauer und sah zu ihnen herab. »Was gibt es?«
Corin bezweifelte, dass der Mann ihn trotz des Fackelscheins aus der Entfernung erkennen konnte. Deshalb schlug er seine Kapuze zurück, die ihm vor dem kalten Wind geschützt hatte.
»Hier ist ein Reisender, der um Einlass begehrt. Meint, er müsse dringend den König sprechen.«
Bevor diese höhnischen Worte andere gegen ihn einnehmen konnten, rief Corin nach oben: »Einst wollte man mich nicht aus Carbonn fortgehen lassen. Heutzutage lässt man mich nicht mehr hinein? Die Zeiten haben sich wahrlich geändert.«
»Oh Mann! Corin? Bist du es? Das glaube ich nicht! Wo kommst du her? Und überhaupt ...« Die letzten Worte gingen in dem heftigen Treppab unter, als der Offizier den Wehrgang herabstieg. Es blieb ruhig, bis sich die Tür in dem doppelflügeligen Tor öffnete.
Der um sechzehn Jahre ältere Mann schaute ihm froh entgegen, die schmalen Lippen zu einem Lächeln verzogen. Obwohl seine Kleidung tadellos saß, erkannte Corin, dass er bis eben geschlafen haben musste, denn sein dunkles Haar stand wirr nach allen Seiten ab.
Corin fand als Erster seine Stimme wieder. »Patric Laurent, dass ich ausgerechnet deinen Schönheitsschlaf stören durfte, ist mir ein besonderes Vergnügen.«
»Noch genauso vorlaut wie früher. Das freut mich wirklich, Corin!« Sie fielen sich in die Arme. Für die nächsten Augenblicke beherrschte Lachen, Staunen und ungetrübte Freude den Platz vor dem Stadttor. Die Wachposten nahmen eine lockere Haltung an und beobachteten mit verdutzten Mienen die Willkommensbezeugungen.
Laurent hatte ihm vor knapp fünf Jahren das Leben gerettet, als Corin in einem Fluss zu ertrinken drohte. Später war er ihm mehrfach ein weiser Ratgeber gewesen und hatte sich zu einem Freund entwickelt, vor allem während der Zeit auf Burg Carbonn, als sich Corin – umgeben von einem ehrgeizigen Vater und einem missgünstigen Stiefbruder – einsam gefühlt hatte.
Patric Laurent musterte Corin ausgiebig, wobei sich seine Stirn in Falten legte. »Du siehst beschissen aus, Mann! Vollkommen durchweicht, ausgekühlt und halb verhungert.«
Corin nickte lächelnd. »Das trifft in etwa meinen Zustand. Verdreckt hast du vergessen. Daher war ich so erleichtert, mich im Dunkel der Nacht hereinschleichen zu können. Die beiden Männer hier hätten mir den Auftritt beinahe ruiniert.«
Patric Laurent wandte sich den beiden Wachen zu. Der kalte Wind schien ihm nichts anzuhaben. Die Uniform, die an seinem Körper saß, als wäre sie eine zweite Haut, und sein Auftreten ließen ihn erhaben wirken. »Habt ihr gewusst, wen ihr vor euch hattet?«, fragte er streng.
In dem folgenden Schweigen hätte man eine herabfallende Nadel hören können, so unangenehm war den Männern ihr Fehlverhalten. Der Grimmige schwieg, während sein Blick den Boden nach einem imaginären Grund absuchte, den diensthabenden Offizier nicht anzuschauen. Der Mund des anderen öffnete und schloss sich abwechselnd, als suche er nach Worten.
Corin wollte dieses Trauerspiel nicht länger mit ansehen. »Lass sein, Laurent. Ich trage eine gewisse Mitverantwortung. Vermutlich hätte ich auch keinem Fremden geglaubt, der dermaßen zerlumpt am Stadttor eintrifft.«
»Sie hätten es überprüfen müssen!«, beharrte Laurent und bestätigte damit Corins Auffassung. »Wenn ich etwas nicht weiß, dann suche ich jemanden, der es weiß.«
»Ich würde behaupten, das haben sie getan. Immerhin waren sie intelligent genug, dich um Rat zu fragen. Das sollte jedweden Fauxpas wieder zurechtrücken.«
Mit unzufriedenem Blick wandte sich Laurent Corin zu. »Vielleicht hast du recht. Dennoch ...«, er atmete tief durch, »… wohlmöglich könnte ihrem Gedächtnis das Entstauben der Gemälde in der Ahnengalerie auf die Sprünge helfen. Denn mag dein erster Eindruck lediglich dem eines Bettlers zur Ehre gereichen, so lassen zumindest deine Gesichtszüge keinen Zweifel an deiner Abstammung. Komm, Corin! Lass uns zur Feste hinaufgehen. Du solltest dich stärken, bevor du von der Obrigkeit verhört wirst.«
»Gegen ein heißes Getränk hätte ich keine Einwände.«
»Und ein Bad.«
Corin lachte laut. »Gewiss, Patric. Es tut mir leid, aber der Weg war weit, und zum Waschen fehlte mir mehr als nur die Zeit.«
»Das glaube ich dir gern. Sag, bist du wohlauf?«
Corin nickte.
»Ich bin froh, dich wiederzusehen. Damit hätte ich die nächsten Jahre nicht gerechnet.«
Schweigend passierten sie Häuserzeilen, deren Fensterläden dicht verschlossen waren. Dann führte sie der Weg durch Gassen, in denen sich ein Wirtshaus ans nächste reihte. Aus beinahe jedem Gebäude drang laute Musik oder Gejohle.
Letztlich stieg die Straße in Richtung des Hügels an, auf dem die Festung erbaut war. »In der Küche kannst du dich am Feuer wärmen und etwas Warmes zu dir nehmen. Es ist bereits nach Mitternacht, da wird kaum noch eine Magd auf den Beinen sein. Aber ich treibe schon etwas zu essen für dich auf. Und danach benachrichtige ich Durand.«
Corin stoppte, denn Laurents Worte hatten eine Frage aufgeworfen. »Was ist mit meinem Vater? Ich würde lieber mit ihm reden als mit Durand.«
Als Patric nicht sofort antwortete, erfasste Corin große Sorge. Er hätte es nie für möglich gehalten, zumal er nicht das beste Verhältnis zu seinem Vater pflegte. Sollte er zu spät gekommen sein? Was, wenn der König tot war? Wenn er den ganzen Weg nach Carbonn zurückgelegt hatte, nur um am Ende allein eine Entscheidung fällen zu müssen? Sein Herz pochte, und diesmal fragte er ungeduldiger: »Wo, bei allen Göttern, ist der König? Sprich doch endlich!«

Ende der Leseprobe

Autorenvita:
Amanda Laurie ist eine deutsche Autorin und lebt mit ihrem Mann und den Kindern in einem kleinen Dorf. Umgeben von viel Grün findet sie Zeit und Inspiration, ihre Geschichten niederzuschreiben.

Bisherige Veröffentlichungen:

Horizon 1: Aufbruch ins Ungewisse
Horizon 2: Fernab der Heimat
Horizon 3: Zurück zu den Wurzeln
Ein Hauch von Magie
Flucht durch die Wälder

Mehr Infos über die Autorin und ihre Bücher auf: www.amandalaurie.de


Sonntag, 28. Januar 2018

Das Vermächtnis der Lil`Lu (5): Kristin - Die Zeitkapsel von Marita Sydow Hamann




Klappentext/Inhalt

Kristin hat in ihrem jungen Leben schon einige Schicksalsschläge und Veränderungen ertragen müssen. Und nun droht ihrer Welt durch die machthungrige Oberschicht die völlige Versklavung. Sie schließt sich den Rebellen an, doch dann geschieht etwas, das Kristins Leben ein weiteres Mal für immer verändert.
Sie wird in ein anderes Universum gezogen und versteht bald, dass Großes am Werk ist – auf allen Welten in allen Universen. Und Kristin spielt in diesem großen Ganzen eine wesentlich wichtigere Rolle, als ihr lieb ist.
Fünfter und letzter Band der Reihe „Das Vermächtnis der Lil`Lu“.
Dieser 5. Band der „Das Vermächtnis der Lil`Lu“-Reihe kann auch unabhängig von den anderen Büchern gelesen werden, da die Geschichten der einzelnen vier Frauen dieser Reihe (Lovisa, Emilie, Danniella, Kristin) in sich abgeschlossen sind. Doch da dies der letzte Band ist, in dem die vier Frauen letztendlich ihr Schicksal erfüllen, wird empfohlen, erst die anderen Bücher der Reihe zu lesen, um ein ganzes Bild zu bekommen.
Erhältlich bei Amazon

Leseprobe


Segretaria

Ich sah die Kugel wie in Zeitlupe auf mich zukommen. Mein Magen sackte mir in die Kniekehlen, so als würde mich etwas nach oben schleudern. Die Welt um mich herum verschwamm und begann sich zu dehnen, alles wirkte verzerrt, sogar die Kugel, die nur noch wenige Meter entfernt war. Dann verschwand sie und mit ihr das Lager und der Boden unter meinen Füßen.
Bilder und Muster stürmten auf mich ein. Das Gesicht einer jungen Frau mit langen Haaren und moosgrünen Augen … Ich! »Die Kugel! Spring zur Seite!«, rief ich mir voller Panik selbst zu. Irgendetwas quetschte mir die Lungen zusammen, quetschte mich zusammen, raubte mir den Atem und weitere Worte. Ein paar braune Augen huschten vorbei. Und dann war ich frei. So plötzlich, dass ich vorwärtsstolperte und nach Luft rang. Irgendwer fing mich auf. Alles in mir ging auf Abwehr. Die Kugel, die Gardenwachen! Hatten sie mich verfehlt? Nahmen sie mich jetzt gefangen?
»Ella? Was ist mit dir? Oh mein Gott, was ist mit dir geschehen! Ella!«
Ich hörte die Worte und die Sorge darin, doch ich begriff ihren Sinn nicht. Ich kämpfte wie eine Löwin, biss, trat und hebelte, bis ich dem Griff des Angreifers endlich entkam. Ich stolperte rückwärts und sah mich hektisch um. In meinem Kopf rotierte es. Was war passiert? Das hier war nicht das Lager. Die Wachen waren fort. Hatte ich wieder einen Aussetzer gehabt? Hatten sie mich verschleppt? Ich begann zu zittern. Keine Schwärze, dieses Mal nicht. Etwas war anders gewesen, ich erinnerte mich an alles – der sich dehnende Raum, die Bilder und Muster, mein Gesicht, eingerahmt von langen, schwarzen Haaren … Drogen! Sie mussten mich verfolgt haben und dann …
Mein Blick huschte durch den Raum, suchte den Fluchtweg und blieb an einem jungen Mann hängen.
»Ella, sag doch was. Lass mich dir helfen. Was ist hier geschehen?« Seine Stimme war sanft und voller Sorge. Er sprach die Sprache des Nordens. Ein Dialekt, den ich nicht kannte, dennoch verstand ich ihn gut. Ich versuchte, etwas zu sagen, doch meine Stimme versagte. Wieder huschte mein Blick durch den Raum. Die Tür lag am anderen Ende, ich würde erst an ihm vorbei kommen müssen. Verdammt! Wie war ich nur hierher geraten?
»Ella, bitte …« Der Mann sah mir direkt in die Augen, eine Ewigkeit schien zu vergehen. Schon wieder schien die Zeit stillzustehen, dann weiteten sich seine Augen und verengten sich kurz darauf. Seine eben noch sorgenvolle Stimme enthielt nun Schärfe. »Du bist nicht Ella! Wer bist du und wo ist sie?«
Ich räusperte mich, mein Mund war staubtrocken. »Ich … Ich …« Wieder huschte mein Blick umher. Ein Fenster – geschlossen und mit Holzsprossen versehen. Ein Fluchtweg! »Wo bin ich?«, brachte ich schließlich hervor.
»Keine Spielchen!«, knurrte der Mann gefährlich leise. »Wo ist Ella?!«
Ich schluckte erneut. Niela, sie war auch dort gewesen. Meine Einheit, wussten sie, wo ich war? Musste ich nur auf Zeit spielen? »Wer ist Ella?«, fragte ich in seiner Sprache. Wieder einmal kamen mir meine vielen Sprachen zu Hilfe. Meine Stimme klang hohl und unsicher. Ich musste mich zusammenreißen.
Der Mann musterte mich eindringlich, fast, als wollte er in mein Innerstes sehen. Ich erschauderte.
»Du weißt es wirklich nicht«, sagte er fast überrascht.
»Ähm … Nein.« Ich ließ ihn nicht aus den Augen und hoffte, jeden Moment Arndt und Dankov hereinstürmen zu hören. »Wo bin ich? Wo habt Ihr mich hingebracht?«
»Hingebracht?« Der Mann hob die Augenbrauen. »Du bist hier einfach aufgetaucht. Als Ella verschwand.« Wieder musterte er mich.
»Ich bin hier reinmarschiert?« Innerlich seufzend glitt mein Blick zur Tür. Also doch wieder ein Aussetzer. Ich kam da langsam nicht mehr mit.
»Reinmarschiert?« Er runzelte die Stirn. »Du weißt nicht, wie du hergekommen bist?«
»Ähm … Nein.« Diesmal seufzte ich tatsächlich. »Es tut mir leid, wenn ich hier so einfach reingeplatzt bin und Euch gestört habe, mein Herr.« Dass dieser Mann zu den Adeligen gehörte, sah man schon an der teuren Einrichtung und seiner feinen Kleidung. Eine Art Anzug. War das die neueste Mode? Was sollte dieses Band um seinen Hals. Lächerlich. Aber es würde Dankov die Möglichkeit geben, ihn dort zu packen und zu strangulieren.
Der Mann hob wieder die Augenbrauen und musterte mich. »Mein Herr?«, fragte er fast belustigt. Dann wurde sein Gesicht starr. Ich sah förmlich, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Hatte ich etwas Falsches gesagt?
»Ich wollte Euch nicht stören«, fing ich an.
»Ein Wechsel«, hauchte er. Sein Blick fokussierte. »Wo kommst du her! Welches Land, welche Welt?«
Ich starrte ihn an. War der verrückt? Und da wollte ich ihm gerade von meinen Aussetzern erzählen.
»Welt? Land?« Er nickte und erwartete meine Antwort. Mitspielen, Kristin. Verrückte konnten gefährlich werden. »Ich lebe in Segretia«, antwortete ich vorsichtig.
»So heißt das Land oder deine Welt?«
»Ähm … So heißt die Hauptstadt von Segretaria?«, sagte ich mehr fragend als sicher.
Der Mann fuhr sich über das Gesicht. »Ella, sie ist fort …«
Ich verstand gar nichts mehr. Was war nur seit meinem erneuten Aussetzer geschehen? Wie war ich hergekommen, weshalb war ich nicht tot? Die Kugel hätte mich treffen müssen und es gab keine Schwärze, nur diese Bilder und Muster. Und das Gesicht. Mein Gesicht …
Dann fiel mein Blick auf ein Foto an der Wand. Der Mann war darauf, nur viel jünger. Er stieß ein junges Mädchen freundschaftlich an, das aus vollem Herzen lachte. Lange, schwarze Haare, moosgrüne Augen. Ich! Sie sah aus wie ich! Und ich hatte sie vor kurzem gesehen, bevor … Ich ging automatisch näher an das Foto heran, suchte nach dem Trick. Hexerei?
»Das ist Ella«, sagte der Mann. »Wo ist sie? Ist sie jetzt dort, wo du herkamst?«
Ich sah von dem Bild zu ihm und zurück. »Sie ist echt?«, flüsterte ich. Er nickte. »Sie war hier?« Wieder ein Nicken. Eiseskälte erfasste mich. Es gab keine Schwärze, ich konnte mich an jede Millisekunde erinnern. Ich war dort gewesen und etwas hatte mich … weggesaugt!
»Sie sagte Ich werde gerufen. Und dann verschwand sie. An ihrer Stelle bist du aufgetaucht«, sagte der Mann. Seine Worte platzierte er vorsichtig, fast tastend, als wäre er sich selbst nicht hundertprozentig sicher. Doch mir schnürte es die Kehle zu. Wenn ich hier war, war sie dann dort? An meiner Stelle?
»Die Kugel«, brachte ich erstickt hervor. »Bei den Göttern, nein!« Ich sah ihr Gesicht erneut vor mir, wie es an mir vorbeizog. Panik schien mich zu erdrücken. War sie an meiner Stelle … Ich konnte nicht einmal den Gedanken beenden. Mir wurde übel. Ich rief mir jedes Detail ins Gedächtnis, krallte mich an ihr fest.
»Hallo? Geht es dir gut?«, hörte ich den Mann fragen. Er klang wie in Watte gepackt. Meine Sinne flogen der Frau entgegen, meine Augen sahen in einem Moment das Bild an der Wand, dann sahen sie sie.


Ella

Kugel? Ella hörte die Warnung – ihre eigene Warnung – in der Sprache ihrer Mutter. Ein Echo. Italienisch. Automatisch fuhr sie ihren Schild hoch und schleuderte alles, was auf sie zukam, von sich fort. Sie sah nicht einmal wohin, als sie aus diesem Schlauch entlassen wurde, in den sie hineingesaugt, hindurchgepresst und wieder ausgespuckt worden war. Ein Mann schrie auf. Oh ja, es war eine Kugel gewesen. Ella sah sein erschrockenes Gesicht, die Waffe hielt er fest umklammert. Als er in sich zusammensackte, kam Leben in die anderen Männer. Ella überlegte nicht lange. Dafür, um sich über ihre Situation klar zu werden, würde sie sich später Zeit nehmen, wenn die unmittelbare Gefahr vorbei war. Jetzt war die Zeit zum Handeln, endlich handeln!
»Niela!«, rief jemand entsetzt, ein Fauchen ertönte hinter Ella – gefährlich, wie von einem Raubtier. Sie hatte keine Zeit, sich danach umzusehen. Die Männer feuerten ihre Waffen ab. Wieder reagierte Ella instinktiv. Ihr Schild fuhr hoch und sie schleuderte zwei weitere Kugeln zu ihrem Ursprungsort zurück. Etwas flog kreischend über sie hinweg und stürzte sich auf drei Männer gleichzeitig. Ein Wesen mit feuerroten Flügeln, mehr konnte Ella auf die Schnelle nicht erkennen. Das Wesen wirbelte herum, es war ungeheuer schnell. Ella sah nicht, wie es die Männer erledigte, da sie selbst alle Hände voll zu tun hatte, doch ein einziger Blick zeigte ihr blutig zerrissene Körper in grotesken Stellungen. Immer mehr Männer eilten herbei und umzingelten Ella und das Feuerwesen. Sie kämpften gemeinsam um ihr Leben, schützten sich gegenseitig und hielten einander den Rücken frei. Die Männer fielen, einer nach dem anderen. Auf einmal waren andere Menschen ohne Uniform da, die ihnen zu Hilfe eilten. Die Schlacht war kurz und blutig. Letztendlich war nur eine kleine Gruppe der Gegner übrig, die sich etwas abseits auf den Boden gekniet hatte und dem Feuerwesen ihre Hände entgegenstreckte. »Verschone uns, Göttin! Wir sind Gläubige!«
Was zum Teufel? Religionsgewäsch?, dachte Ella und rang nach Atem. Der kurze, heftige Kampf hatte sie ganz gut gefordert. Pure Energie floss durch ihre Adern. Es hatte so gut getan, ihre Kraft endlich einmal freizulassen – zügellos.
Das Feuerwesen hockte neben ihr in Kampfstellung. Ein Knurren kam aus seiner Kehle, das Ella eine Gänsehaut verpasste. Sie sah es zum ersten Mal genauer an. Eine Frau! Eine junge Frau mit flammend roten Locken und ebenso roten Flügeln.
»Du bist ein Nephilim!«, stieß sie hervor.
»Bei den Göttern!«, hauchte eine Männerstimme hinter ihr. »Eine Göttin ist zu uns zurückgekehrt!« Er kniete sich nieder – ehrerbietend. Wieder italienisch. Ein seltsamer Dialekt. Göttin? Ella runzelte die Stirn.
»Nephilim sind keine Götter«, hörte sie sich in der Sprache ihrer Mutter sagen. Sie biss sich auf die Lippe. Immer vorlaut, das war jetzt gerade vielleicht nicht angebracht. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wo sie war, was das für ein Volk war und weshalb sie hier gelandet war.
Die Nephilimfrau behielt ihre Kampfstellung bei. »Wo bin ich und was mache ich hier!«, fauchte sie.
»Hm, genau meine Gedanken«, sagte Ella leise. »Weshalb habt ihr mich hergeholt und wer ist verdammt nochmal dafür verantwortlich!«
Ein Mann trat hervor. »Wir haben euch nicht hergeholt«, sagte er vorsichtig. Seine Stimme war dunkel und kräftig. »Kristin, bist du das?« Er sah Ella misstrauisch an.
»Wer ist Kristin? Ich bin Ella!«
»Bei den Göttern!«, sagte der kniende Mann hinter ihr. »Sie sieht aus wie Kristin.«
»Aber sie ist eine Hexe. Sie ist definitiv nicht Kristin«, sagte eine Frau, die Ella zuerst für einen Kerl gehalten hatte. Sie hatte mit den Männern gekämpft, die ihnen geholfen hatten. Ella ließ ihre Kraft los und fühlte in ihre Richtung.
»Du bist auch eine Hexe«, stellte sie fest. »Gut, jetzt wo wir wissen, woran wir sind, will ich endlich Antworten! Wo bin ich und warum!«
»Gute Fragen«, knurrte die Nephilimfrau. »Weitet das auf mich aus.«
»Wir sind in Segretia, der Hauptstadt von Segretaria«, sagte der Mann mit der tiefen Stimme. »Mein Name ist Arndt.«
»Eine andere Welt«, fauchte der Nephilim. »Wie ist das möglich? Nephilim können nicht wechseln!«
»Ein Wechsel …« Ella ging ein Licht auf. »Eine parallele Welt!«
»Das ist auch meine Vermutung«, meinte der Nephilim. »Nur wie? Und warum?«
»Ich habe nicht die geringste Ahnung«, gab Ella offen zu. »Es sieht so aus, als säßen wir im selben Boot. Ich bin Ella.« Einem Impuls folgend streckte sie der Frau freundschaftlich die Hand entgegen.
Die Frau richtete sich auf und musterte Ella. »Kyria«, sagte sie schließlich und nahm Ellas Hand in ihre Krallen. »Gut gekämpft.«
Ella lächelte. »Danke, du auch.« Sie ließ ihren Blick über das Blutbad gleiten. »Es scheint, als wären wir hier zwischen irgendwelche Fronten geraten«, mutmaßte sie. Dann sah sie Arndt an. Der Mann war groß, mit etwas zu weit auseinanderstehenden Augen. »Und wer ist diese Kristin?« Ella hatte eine Ahnung. Das Gesicht einer Frau, ihr eigenes Gesicht, doch mit kurzen Haaren. Und die Warnung auf Italienisch …
»Sie ist ein Mensch und sie gehört zu uns. Sie sieht dir wirklich zum Verwechseln ähnlich.« Er schüttelte ungläubig den Kopf. »Ich werde dir gerne alles berichten, was ich weiß. Ihr auch«, sagte er zu Kyria, die angespannt wie eine Feder dastand und niemanden aus den Augen ließ. »Aber wir können hier nicht bleiben. Falls jemand entkommen ist oder Hilfe gerufen hat, wird es hier sehr bald eng.«
»Noch mehr Männer?«, fragte Ella.
»Oder einfach nur eine gut platzierte Rakete. Unser einziger Vorteil ist unser Überraschungsmoment. Rein und wieder raus. Alles andere ist zu gefährlich.«
»Das ist ein Medikamentenlager«, sagte die Frau. Sie hatte sich hastig umgesehen und einige Kisten geöffnet. Der kniende Mann kam auf die Beine. »Deshalb ist Kristin hierher gegangen! Wir brauchen dringend Lotionen gegen Läusebefall und Nachschub an Antibiotika wäre auch nicht schlecht.« Dann fiel ihm seine Göttin wieder ein. Er sah Kyria seltsam an. »Oder könnt Ihr alle heilen?«
Ella entfuhr ein Schnauben, was ihr einen giftigen Blick des Mannes bescherte. »Bist du sicher, dass du nicht Kristin bist?«, fragte er bissig.
»Ganz sicher. Und Kyria ist keine Göttin.« Ella legte den Kopf schief. »Doch etwas Besonderes ist sie durchaus. Nephilim sind die nächste Evolutionsebene der Menschen.«
Alle verstummten und starrten von ihr zu Kyria.
Kyria streckte sich. »Das ist korrekt. Zumindest gibt es hier eine, die sich auszukennen scheint!«
»Also gut«, sagte Arndt etwas überfordert. »Wir klären das später. Ausschwärmen!«, befahl er. »Nehmt so viel mit, wie ihr tragen könnt, und dann nichts wie weg hier!«
»Wo ist Niela?«, fragte jemand.
Arndt atmete tief durch. »Kristin verschwand und Ella tauchte auf. Niela verschwand und Kyria erschien an ihrer Stelle. Sie ist weg. Genau wie Kristin.«

Vita 

Marita Sydow Hamann

*13.03.1973
Ich wurde in Norwegen in Ålesund geboren und wuchs unter anderem in Deutschland, Österreich und Spanien auf.
1999 heiratete ich und wanderte mit meinem Mann nach Schweden aus. Dort machte ich eine Ausbildung zur persönlichen Assistentin für Personen mit geistigen und körperlichen Behinderungen.
Ich lebe mit meinem Mann und einigen Tieren auf einem kleinen Selbstversorgerhof in Småland und widme mich außer dem Schreiben und Bloggen (über die Themen "Gesund leben!", Bücher, Malerei und mehr) auch anderer kreativer Kunst, wie z.B. die Malerei.
Ich schreibe Fantasy für Jung und Alt sowie Kinderbücher.
Meine Interessen diesbezüglich sind die nordische, griechische und andere Mythologien mit all ihren Wesen.
Speziell Trolle finde ich faszinierend. Aber auch Geister, Elfen, Drachen, Magier, mystische Begebenheiten, Romantik und Science Fiction Elemente könnt ihr bei mir finden.
Ich bin nicht auf ein Element festgelegt und immer offen für neue Ideen.

Ich veröffentliche als Indie-Autorin. Was ist Indie? Mehr dazu hier.