Sonntag, 20. September 2015

Als Adolf in die Falle ging von Brigitte Endres



Klappentext:
Heinz findet es bombig, endlich beim Jungvolk der Hitlerjugend zu sein. Die Aufmärsche, die Sonnwendfeier mit dem Fackelzug, das Zeltlager und die Kameradschaft mit den anderen üben große Anziehungskraft auf ihn aus. Lehrer und Jungenschaftsführer tun alles, um ihn auf die Gesinnung der Nationalsozialisten einzuschwören.
Doch in seine Begeisterung für Adolf Hitler mischt sich, durch die kritische Haltung seines Großvaters, zunehmend Zweifel. Auch Irma, seine ältere Schwester lässt sich nicht blenden. Sie macht eine schreckliche Entdeckung: Das behinderte dreijährige Mariechen, das Heinz von klein auf kennt und ins Herz geschlossen hat, ist durch das menschenverachtende Weltbild der Nazis in ernste Gefahr. Heinz Misstrauen wächst. Dann bricht der Krieg aus.

Ein packender historischer Roman für wache Menschen ab 11 Jahren.

Dieses Buch kann für Klassenlektüren als Taschenbuch vorbestellt werden (6,80 €). Eine CD mit einem 130 Seiten umfassendes Lehrerhandbuch, Bild und Audiobeiträgen wird zu jedem Klassensatz kostenlos mitgeliefert.

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Achtes Kapitel


Wie immer vor den Sommerferien, schrieben sie in den nächsten Tagen und Wochen eine Probearbeit nach der anderen.
Zum Glück hatte Stemmler den Aufsatz über das Sonnwendfest ganz passabel gefunden, sodass Heinz mit einer Drei im Zeugnis rechnen konnte.
In Mathe hatte Heinz dagegen noch nie Probleme gehabt. Heute schrieben sie die letzte Rechenprobe im Jahr.
Die ersten fünf Aufgaben waren Kettenrechnungen mit einfachen Operationen, wie teilen und malnehmen. Dann kamen zwei Textaufgaben:

Der Bau einer Irrenanstalt erfordert 6 Millionen RM[i]. Wie viele Siedlungen zu je 15. 000 RM hätte man dafür bauen können?

Die jährlichen Kosten des Staates für einen Geisteskranken betragen im Durchschnitt 766 RM, ein Tauber oder Blinder kostet 615 RM, ein Krüppel 600 RM. In Anstalten werden auf Staatskosten versorgt: 167.000 Geisteskranke, 8.300 Taube und Blinde, 20.600 Krüppel.
Wie viele Millionen RM kosten diese Gebrechlichen jährlich? Wie viele erbgesunde Familien könnten bei 60 RM durchschnittlicher Monatsmiete für diese Summe untergebracht werden?

Die erste Sachaufgabe fand Heinz leicht. Bei der zweiten war ihm der Rechenweg zwar klar, aber es bestand die Gefahr, dass er sich verrechnete, es waren eine Menge Zahlen. Er nahm sich vor, alles noch einmal nachzuprüfen. Obwohl er an sich ein flinker Rechner war, gehörte er deshalb zu den Letzten, die abgaben.
„Puh!“, stöhnte Siggi beim Rausgehen. „Bei diesen blöden Textaufgaben weiß ich nie, was ich rechnen soll.“
In der nächsten Stunde arbeitete Stemmler mit ihnen die Probe an der Tafel durch. Heinz war ganz zufrieden mit sich, schlechter als Zwei würde es wohl nicht werden. Nur Siggi sah von Minute zu Minute verzweifelter aus.
„Da seht ihr mal, was die Volksgemeinschaft für solche Ballastkreaturen für Geld rauswirft!“, kommentierte Stemmler die Ergebnisse der Textaufgaben.
Hatte sich Heinz beim Rechnen keine weiteren Gedanken über den Inhalt der Aufgaben gemacht, fühlte er plötzlich inneren Widerstand. So gesehen, war Mariechen auch eine Ballastkreatur. Und trotzdem! Sie war es wert, dass man sich um sie sorgte!
Am Nachmittag gingen die beiden Freunde zum Sportplatz, das machten sie jetzt fast täglich, wenn das Gelände frei war.
Den Sechzig-Meter-Lauf schaffte Siggi heute schon in den vorgegebenen zwölf Sekunden. Beim Weitsprung haperte es allerdings noch. Wieder übertrat er andauernd die Absprunglinie und fiel wie ein nasser Sack nach hinten um.
„Mensch Siggi!“, pfiff ihn Heinz zurecht. „Das ist Weitsprung und nicht Nahfall! Zwei Meter fünfundsiebzig ist doch wirklich zu schaffen!“
Im Schlagballwerfen hatte Siggi hingegen keine Probleme, da warf er locker die verlangten fünfundzwanzig Meter.
Da Heinz Siggi versprochen hatte, täglich mit ihm zu trainieren, ging es mit dem Fahrrad nur langsam voran. Hausaufgaben, Heimabende und der Dienst am Samstag verschlangen fast seine ganze Freizeit. Außerdem hatte Jochen auch noch eine Altmetallsammlung fürs Winterhilfswerk angeordnet, nachdem die Aufelder Jungenschaft im Volksboten für ihre Altpapieraktion so ausdrücklich gelobt worden war.
Heute trafen sich Heinz und Siggi deshalb nach dem Training mit Ehrhard und Alfred bei der Mittelschule.
Ehrhard zog einen Leiterwagen hinter sich her. Siggi, vom Sport noch ganz erledigt, warf sich sofort hinein und hob die Hand zu salbungsvollem Gruß. „Untertanen!“, tönte er theatralisch. „Bringt mich zum Schloss!“
Die Untertanen hatten allerdings keine Lust, den selbst ernannten Herrscher zu chauffieren. Unter Balgen und Gelächter warfen sie den protestierenden Siggi aus dem Gefährt und zogen los.
Alfred schwang eine Glocke und die Jungen riefen: „Altmetall fürs WHW! Spendet Altmetall!“
Schnell öffneten sich schon die ersten Türen, und bald füllte sich der Leiterwagen mit Blechdosen, alten Kochtöpfen und anderen ausgemusterten Metallgegenständen. Aus einem Keller in der Zeppelinstraße durften die Jungen eine gusseiserne Herdplatte mitnehmen. Obwohl sie zu viert waren, schafften sie es kaum, das schwere Ding die Treppe hochzukriegen.
Die Hausfrau war sichtlich erleichtert, dass das sperrige Teil aus dem Weg war, und bedankte sich mit einer Stange Drops bei den fleißigen Helfern.
Nachdem Heinz die Bonbons gerecht verteilt hatte, schoben sie den Wagen, der unter der Last gefährlich knarzte, mit vereinten Kräften zu Peller, dem Schrotthändler.
Früher hatte die Schrotthandlung dem Juden Meusch gehört, aber seit jener Novembernacht im letzten Jahr, war der alte Mann spurlos verschwunden.
„Den Meusch haben sie weggejagt“, hatte Siggi einmal gesagt. „Wir brauchen diese Volksschädlinge hier nicht!“
Nicht, dass Heinz Meusch besonders gemocht hätte. Der Schrotthändler hatte sie immer vergrault, wenn sie sich auf dem Platz herumtrieben. Dabei war das Gelände doch so ein erstklassiger Spielplatz. Aber Heinz fragte sich heute noch, wie der Alte dem deutschen Volk wohl Schaden hätte zufügen können.
Jetzt gehörte der Schrottplatz Peller. Und der war bestimmt nicht besser! Der hatte sich sogar einen scharfen Schäferhund angeschafft.
In gebührendem Abstand blieb die Gruppe vor dem Eisentor stehen. Pellers Schäferhund kläffte wütend. Der Schrotthändler schlurfte aus seiner Wellblechhütte, sperrte den Hund ein und öffnete ihnen. Jetzt erst trauten sich die Jungen auf den Platz, um ihre Ladung auf die Schrottwaage zu legen. Als sie die gusseiserne Platte darauf wuchteten, schoss die Anzeige steil nach oben.
„Mensch!“, rief Siggi. „Das soll uns mal einer nachmachen!“
Ohne eine Miene zu verziehen, kramte Peller ein paar Münzen aus seiner zerschlissenen Hose und drückte sie Ehrhard in die Hand. Dann verschwand er wieder in der Hütte. Die Jungen beeilten sich, den Platz zu verlassen, ehe er den Hund wieder frei ließ. Ehrhard schob das Geld in die Hosentasche. Keiner seiner Freunde machte sich auch nur die geringsten Sorgen darüber, dass er es für sich behalten könnte. Das war Ehrensache!
Als Heinz heimkam, war es Abend geworden. Im Treppenhaus traf er auf Frau Arnold, die das schlafende Mariechen aus dem Kinderwagen hob.
„Halt sie bitte mal!“ Damit reichte sie Heinz das Kind, um den Wagen unter der Treppe zu verstauen.
Heinz fühlte den kleinen warmen Körper schwer in seinen Armen. Mariechens Kopf lag vertrauensvoll an seiner Schulter. Helle Löckchen fielen in ihr blasses Gesicht, ihre blauen Lippen waren leicht geöffnet.
Beklommenheit überfiel ihn. Nein!, dachte er. Das Mariechen ist nicht lebensunwert! Wie schade, dass der Führer sie nicht kennt. Wo er Kinder doch über alles liebt! ...


[i] RM/Reichsmark: Nach dem Krieg wurde die DM, die Deutsche Mark eingeführt.

Vita:
Brigitte Endres hat Grundschulpädagogik, Germanistik und Geschichte studiert. Heute arbeitet sie als Kinderbuchautorin für Verlage in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie für den Bayerischen Rundfunk. Ihre Bücher wurden in viele verschiedene Sprachen übersetzt. 


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